Spiegel des Grauens
Irgendwann an diesem Abend durchfliegt einen der Gedanke an Beethovens «Eroica». Und die Frage, wie viele Musiker wirklich nötig sind, um dieses symphonische Schlüsselwerk angemessen zu interpretieren. Während heute bis zu 80 Musiker auf dem Konzertpodium sitzen, waren es bei der Uraufführung der Symphonie anno 1803 im Palais des Fürsten Lobkowitz gerade einmal 30. Eine Aufnahme gibt es von diesem kühnen künstlerischen Unterfangen bekanntermaßen nicht; glaubt man aber den Zeitzeugen (wozu guter Grund besteht), muss die Wirkung beträchtlich gewesen sein.
Womit wir bei Richard Strauss und seiner «Salome» wären. Als sich am 9. Dezember 1905 der Vorhang in der Dresdner Hofoper hob, saßen im Graben 110 Musiker; die maßlose Partitur verlangte danach. Verlangte nach vier Flöten, fünf Klarinetten, sechs Hörnern, je vier Posaunen und Trompeten, nach Basstuba, zwei Harfen, Celesta, Orgel, Harmonium, verschiedenem Schlagzeug und nach einer fetten Streicherbesetzung. Auch hier: enorme Wirkung.
Den Verantwortlichen des Theaters an der Wien war also klar, dass sie – wollten sie die «Salome» programmieren – ein bisschen Breslau spielen mussten. Dort war das «Musik-Drama in einem Aufzug» kurz ...
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Opernwelt März 2020
Rubrik: Im Focus, Seite 10
von Jürgen Otten
Im Mittelalter waren Klöster Träger der Zivilisation, Bewahrer antiken Wissens, Inseln von Bildung in einem Meer des Analphabetismus. Wer im Kloster lebte, hatte es nicht am Schlechtesten getroffen, war versorgt, einigermaßen sicher, geborgen in einer Gemeinschaft. Schon im Zeitalter der Aufklärung muss das lange vorbei gewesen sein. Mit seinem 1917 entstandenen...
Man mag es kaum glauben, dass hinter der trostlosen Fassade mit dem bröckligen Mauerwerk und den verwitterten Fensterrahmen einmal Musikgeschichte geschrieben wurde. Immerhin verkündet eine Gedenktafel, dass ein gewisser Rihards Vāgners zwischen 1837 und 1839 in dem Haus als Dirigent und Komponist tätig war und dass außerdem 1842 Ferenzs Lists, 1844 Klāra...
Die 1705 in Hamburg uraufgeführte «Almira» ist Händels einzige überlieferte deutschsprachige Oper, drei weitere sind verloren. Das stark dem Vorbild des vernachlässigten Reinhard Keiser verpflichtete Erstlingswerk des 19-Jährigen folgt ganz dem kosmopolitischen Stil der norddeutschen Barockoper. In bunter Folge reihen sich gereimte deutsche Rezitative und liedhaft...
