Stimmen aus dem Abgrund
Im 19. Jahrhundert musste man die Legende der Genoveva niemandem lang erklären. Die Geschichte jener Frau, die von einem zurückgewiesenen Verehrer fälschlich der Untreue bezichtigt und vom vermeintlich betrogenen Ehemann zum Tode verurteilt wird, gehörte zum literarischen Gemeingut des Biedermeier und der Romantik.
Ludwig Tieck hatte den Stoff 1800 zu einem Trauerspiel verarbeitet, Friedrich Hebbel ließ 1843 eine fünfaktige Tragödie folgen, die den Akzent freilich vom Opfer zum Täter, von der jungen Gattin des Pfalzgrafen Siegfried zu dem hoffnungslos für sie entflammten Ritter Golo verschob. Diese Perspektive liegt auch dem Genoveva-Libretto zugrunde, das Robert Reinick – unter tatkräftiger Mithilfe des Komponisten – für Schumanns einzige Oper schrieb. Der 1850 in Leipzig uraufgeführte und bald in den Fundus entsorgte Vierakter nimmt vor allem die seelischen Verwerfungen des schwärmerischen Edelmannes in den Blick. Die Konturen der Titelheldin werden wesentlich aus Golos Perspektive gezeichnet, sind das Ergebnis seiner Projektionen. Ein Psychodrama also, das mehr mit Schumann und seiner Ära, mehr auch mit der unbehausten Moderne als mit einem fiktiven Mittelalter oder einer ...
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Wie wenig sich die Zeiten ändern! 1992, als die Scala-Saison ebenfalls mit «Don Carlo» eröffnet wurde, habe vier Tage «Weltuntergangsstimmung» geherrscht und eine «nationale Identitäskrise» gedroht, berichtete Gabor Halasz damals in «Opernwelt» (siehe OW 2/1993). Der Grund: Luciano Pavarotti war grausam ausgepfiffen worden, weil er das hohe «H» nicht einwandfrei...
Herr Pape, Sie haben als Knabe im Dresdner Kreuzchor oft vom Teufel singen müssen. Haben Sie als Kind auch an den Teufel geglaubt?
Ach wo, ich habe an den Teufel genauso wenig geglaubt wie an Gott. Der Teufel ist erst in mein Leben getreten, als ich ihn auf der Bühne dargestellt habe. Außerdem bevorzuge ich die Bezeichnung Mephisto. Das klingt nicht so negativ.
Ist...
Die Haltbarkeit europäischer Kunst ist schon erstaunlich. Kurz nachdem der englische Freibeuter William Dampier 1688 seine Eindrücke von der Entdeckung Neuhollands (im Nordwesten des fünften Kontinents) niederschrieb, wurde in der Pariser Jesuitenschule Collège de Louis le Grand Charpentiers tragédie biblique «David et Jonathas» uraufgeführt. Dreihundertzwanzig...
