Stets sie selbst
Als sie anfing, war sie nicht einfach nur eine neue, unerhörte Stimme, sondern ein ganz neuer Typ Sängerin. Ein Wunderkind zunächst – ausgebildet, gefördert und stets begleitet von seinem Großvater –, das vom Berliner Schlager bis zum Koloraturfeuerwerk der Königin der Nacht alles konnte, was man von ihm verlangte. Anja Silja lernte das Singen in einem Alter, in dem andere Kinder gerade Lesen und Schreiben üben.
Mit 12 Jahren gab sie ihr erstes öffentliches Konzert; jetzt wird sie 80 und ist bis vor Kurzem immer noch aufgetreten, so etwa bei einem Hasse-Abend zur Wiedereröffnung des Markgräflichen Opernhauses in Bayreuth, wo sie die (hinzuerfundene) Rolle der alten Markgräfin sprach, mit ihrer Enkelgeneration (die bisweilen ziemlich alt aussah) auf der Bühne stand und mit wenigen Gesten zeigte, wie man Gefühle in Bewegung umsetzt. Vor zwei Jahren war das, und fast 50 Jahre, nachdem sie in Bayreuth – oben im Festspielhaus – debütiert hatte: als Senta und – eben – als neuer Typ Sängerin. Ihre somnambule Ballade, ihre Mischung aus Coolness und psychologischer Präzision, ihre instinktsichere, jugendliche Direktheit in Stimme und Körpersprache, das alles war selbst im entrümpelten, ...
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Opernwelt April 2020
Rubrik: Magazin, Seite 70
von Stephan Mösch
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