Editorial April 2020
Christoph Schlingensief hatte einen Traum. Einen durch und durch romantischen Traum. Er träumte von einem Ort weit abseits der etablierten Musentempel, an dem die Kunst wieder zu sich selbst kommen würde, wo Menschen unterschiedlichster Herkunft, von Zwängen befreit, künstlerisch arbeiten und einen postkolonialen Diskurs führen könnten. In diesem Traum kam das gute alte Europa nicht vor mit seiner quasi feudalen, staatlich subventionierten Repräsentativ-Kultur. Schlingensiefs Traum hatte seinen Platz jenseits von Europa, irgendwo in Afrika.
Doch bevor er diesen Traum zu Ende träumen konnte, überwältigte ihn die Realität, in Form einer Diagnose, die jedwede Hoffnung auf Heilung ausschloss: Am 21. August 2010 starb Christoph Schlingensief an Krebs, er war gerade einmal 49 Jahre alt geworden.
Zehn Jahre nach seinem Tod wird – abgesehen von einer hinreißenden filmischen Hommage bei der diesjährige Berlinale – kaum noch über diesen extravaganten, explosiv-impulsiven, ein bisschen verrückten, aber stets politischen Künstler debattiert; Gras wächst überall über Dinge und Menschen hinweg. Nicht jedoch in jenem 30 Kilometer von Burkina Fasos Hauptstadt Ouagadougou entfernt gelegenen Dorf, ...
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Opernwelt April 2020
Rubrik: Editorial, Seite 1
von Jürgen Otten
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