Schuld und Sühne
Ach, die Bahn! Unzuverlässig, verspätet und verspottet, weil «immer nur abgebaut wird». Als Giselher Klebe seine 1980 in Mannheim uraufgeführte Oper «Der Jüngste Tag» schrieb, war die Bahn gefühlt noch superpünktlich. Angesichts der heutigen Schienenmisere wirken die Klagen zu Beginn des Stücks unfreiwillig aktuell und erheiternd. Dabei hat die Geschichte das Zeug zu einem veritablen Bahnkrimi.
Der unglücklich verheiratete Stationsvorsteher Hudetz gibt, abgelenkt durch ein amouröses Techtelmechtel mit Anna, der Wirtshaustochter, ein Signal zu spät und lässt einen Eilzug mit einem Güterzug zusammenstoßen, 18 Menschen sterben. Der brave Bahnbeamte wird zum Mörder: Er tötet Anna, die vor Gericht seine vorgebliche Unschuld beteuert hat, um sie an einem Widerruf ihres Meineids zu hindern. In dem etwas wirren Schlussbild akzeptiert Hudetz nicht die weltliche Justiz, sondern will gleich die «höchste Instanz» anrufen, das Jüngste Gericht.
Klebe hat fast ausschließlich literarische Stoffe vertont. «Der Jüngste Tag» geht auf Ödön von Horváths letztes Theaterstück von 1937 zurück, Klebes Frau Lore dichtete das Libretto. Die Geschichte wirkt streckenweise platt, weil Horváths komplexe, ...
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Opernwelt April 2020
Rubrik: Panorama, Seite 40
von Josef Oehrlein
Malin Gjörup
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Aschenputtel forever: Ob Cinderella, Cenerentola, Cendrillon – das Märchen von Charles Perrault ist (samt seiner Varianten) ein Bühnendauerbrenner. Der Traum vom besseren, schöneren Leben: Wer träumte ihn nicht gerne? Und das Lob der Gerechtigkeit, wenn Ehrlichkeit, Bescheidenheit, aufrichtige Liebe gegen Neid, Missgunst, Dünkel und Überheblichkeit siegen: Wer...
Ein uraltes Bühnenklischee verbindet den hohen Scheitel mit schwarzen Gedanken und Taten, weswegen etwa Gustaf Gründgens als Mephisto kahlköpfig erschien. In der Uraufführung von Christian Josts «Egmont» am Theater an der Wien wird der Fiesling Alba zeitweise solcherart gebrandmarkt, wobei Bo Skovhus sich in darstellerisch perfekter Selbstverleugnung als Scheusal...
