Steinschlag, Sandfall, Atemstrom

Ming Tsaos Kammeroper «Die Geisterinsel»

Nicht einmal zweieinhalb Minuten toben die Naturgewalten. Tastendonner aus Subkontra-Zonen. Gespenstisch, gewitterdunkel weht es von Streichern. Schlagwerk und Gitarre heizen die Atmosphäre auf. Bald erreichen die Klangböen Orkanstärke. Es prasselt, rauscht, dröhnt und faucht, als riefe der Herrgott zum Jüngsten Gericht. Dann drehen die rasenden Kräfte ab, so schnell wie sie aufgezogen waren. Wir sind noch einmal davongekommen.

Wie Miranda und Fernando, Prospero und Caliban, die Hauptfiguren jener «Geisterinsel», die der aus Kalifornien stammende Komponist Ming Tsao (*1966) als tönenden Kommentar zu einer lange verschollenen, vor fünf Jahren von Frieder Bernius reanimierten Kammeroper des Stuttgarter Hofkapellmeisters Johann Rudolf Zumsteeg (1760-1802) entworfen hat (siehe OW 6/2010 und 5/2011).  

Allein mit dieser in einem perfekten Bogen an- und abschwellenden, plastischen Sturmmusik ist Tsao ein veritabler Coup gelungen. Überhaupt räumt der von Chaya Czernowin und Brian Ferneyhough ausgebildete Amerikaner in seinem 50-minütigen Opus gründlich auf mit dem scheinbar unkaputtbaren Vorurteil, dass Neue Musik nach Strauss den Sinn fürs Sinnliche verloren habe. Einerseits steht das im ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Opernwelt-Artikel online lesen
  • Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Opernwelt September/Oktober 2015
Rubrik: Hören, Sehen, Lesen, Seite 50
von Albrcht Thiemann

Weitere Beiträge
Strahlkraft aus Leidensdruck

Spricht man von Nordamerika, so meint man nicht selten fast reflexhaft die Vereinigten Staaten, denkt aber kaum an das flächenmäßig vergleichbare Kanada, das, anglophon und frankophon, zum Commonwealth gehört. Immer noch ziert die Queen die Geldscheine – und das Wort «Royal» manche Institution. Entsprechend sind die Beziehungen zwischen US-Amerikanern und Kanadiern...

TV-Klassiktipps

ARD-ALPHA

6.9. – 20.15 Uhr (1)
18.10. – 20.15 Uhr (2)
Klassik am Odeonsplatz.

1. 2013. Musikalische Leitung: Yannick Nézet-Séguin. Solisten: Rolando Villazón und Thomas Hampson. Werke von Wagner und Verdi. 2. 2015. Musikalische Leitung: Pablo Heras-Casado. Werke von de Falla, Prokofjew, Debussy und Ravel.

13.9. – 11.00 Uhr
Mariss Jansons dirigiert

Strauss: Ein...

Mit Bayreuth wird man nie fertig

I.

Ist er es? Sitzt er da wirklich wieder vor dem Weihenstephan? Dem Hotel nicht weit vom Bahnhof, in dem er, so erzählt man in Bayreuth, jedes Jahr zur Festspielzeit absteigt? Ja, er ist es wirklich. Ein wenig missmutig blinzelt René Kollo (77) in die Sonne. Diese Hitze! Den Rotwein hat er fast geleert, die Zigarre ist fast aufgeraucht. Nur noch eine Stunde bis...