Stationendrama oder Traumspiel?

Verdis «La forza del destino» tobt in vier Häusern mit neuer Kraft. Klaus Kalchschmid besuchte die Aufführungen in Berlin, Cottbus, Mannheim und Zürich

Vielleicht ist «La forza del destino» – obgleich nach dem spanischen Drama «Don Álvaro, o la fuerza del sino» von 1835 komponiert – Verdis radikalste Shakespeare-Oper: Einheit von Ort und Zeit sind aufgebrochen wie nie im Werk dieses immer wieder nach neuen Lösungen suchenden Komponisten. Dralle, burleske Massenszenen wechseln mit hohem tragischen Ton; inbrünstiges Gebet, klerikale «Maledizione!»-Attacken wie in ­einem Autodafé durchdringen sich mit Kriegsbegeisterung, und das auf nur wenigen Takten.

Komische Figuren stehen dem Schicksal des klassischen Terzetts von Sopran, Tenor und Bariton gegen­über, aber auch ein Bass erhält erstmals eine tragende Rolle. Selbst die zeitliche Ausdehnung des Werks wurde im gan­zen Œuvre nur noch von «Don Carlos» übertroffen, den Verdi kurz nach der 1862 uraufgeführten «Forza» konzipierte.
Wie kann ein Regisseur diesem Konglomerat widerstrebender Kräfte beikommen? Historisierend oder stilisierend? Einheit in der Vielschichtigkeit anstrebend oder das Disparate gegen­einan­der stellend? Das Problem beginnt schon mit der Wahl der Fassung. Soll man die Version der Petersburger Uraufführung spielen, mit einem knappen Vorspiel, ­einem Ansatz, der Ernst ...

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Opernwelt Dezember 2005
Rubrik: Im Focus, Seite 6
von Klaus Kalchschmid

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