Spiel des Lebens
Das Genie des Leidens sitzt vorne rechts, am äußersten Rand der Bühne, an einem viel zu kleinen Schreibtisch. Oder besser: Ein Teil von ihm sitzt dort, umgeben von Büchern, Notizheften, einem rotleuchtenden Blümlein, einer Flasche Wein und anderen nützlichen oder weniger nützlichen Utensilien. Harry Haller, «ein Mann von annähernd fünfzig Jahren», wie sein Schöpfer ihn beschreibt, leidet unter einer signifikanten Persönlichkeitsspaltung; man könnte es ebensogut Schizophrenie nennen. Er ist zugleich Mensch und Tier, Anarchist mit bourgeoisem Hintergrund und Steppenwolf.
Hermann Hesse schickte ihn weiland, in seinem 1927 erschienenen Roman, auf eine weite Reise, die Harry zwar zu sich selbst, aber damit auch zu den Abgründen seiner Identität treibt. Zugleich ist Hesses Steppenwolf ein prophetisch Sehender, eine Art männliche Kassandra: Sein Blick, so heißt es im Roman, «durchdrang unsre ganze Zeit, das ganze betriebsame Getue, die ganze Streberei, die ganze Eitelkeit, das ganze oberflächliche Spiel einer eingebildeten, seichten Geistigkeit». Es ist ein Blick, der bis ins «Herz des Menschentums» geht.
Am Volkstheater Rostock, in Viktor Åslunds 2016 uraufgeführter Oper auf Hesse, gibt ...
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Opernwelt Juni 2025
Rubrik: Im Focus, Seite 10
von Jürgen Otten
Mit 2700 Sitzen und einer 20 Meter hohen Decke wirkt der Saal der Opéra Bastille eher einschüchternd als einladend. Ein großer Raum für große Gesten. Wie stark muss die Versuchung sein, ihn mit allem zu füllen, was Stimme und Körper zu bieten haben. Asmik Grigorian aber steht einfach nur da und singt – die Hände locker ineinander gelegt. Ihr braunes Haar umspielt...
Der Dichter schwärmt. Ist aber auch eine eher leichte Übung angesichts des besungenen Gegenstandes. «An die Musik» richtet sich das romantisch durchglühte Gedicht des Schubert-Freundes Franz Schober, welches der Genius späterhin in ein schmuckes D-Dur-Gewand steckte: «Du holde Kunst, in wieviel grauen Stunden / wo mich des Lebens wilder Kreis umstrickt, / hast Du...
Mitunter sind es nur feinste Nuancen, in denen sich größere Unterscheidungen ablesen lassen. Während es in Schuberts «Ständchen» nach Rellstab heißt: «Leise flehen meine Lieder / Durch die Nacht zu Dir», schließt das vierte Stück aus den «Fünf Liedern» op. 106 von Brahms mit den Worten «Dunkel klingen meine Lieder». Es ist nur ein Wimpernschlag, der beides, dort...
