Spanisches Schäferstündchen
Vor 20 Jahren hat François-Xavier Roth sein französisches Projekt-Orchester «Les Siècles» gegründet und damit den Blick der authentischen Aufführungspraxis weit ins vorige Jahrhundert ausgedehnt. Anders als die Barock-Ensembles spielen die Musiker nicht auf nachgebauten Instrumenten, sondern auf Originalen des späten 19. und beginnenden 20. Jahrhunderts, für die diese Musik komponiert wurde.
Vor allem die um einiges rauer timbrierten Holz- und Blechbläser, aber auch die auf Darmsaiten spielenden Streicher geben dem Klang einen auffällig dunklen, herben, spezifisch französischen Ton. Im Zentrum standen zunächst Orchesterwerke von Berlioz, Debussy und Ravel sowie die französischen Ballettpartituren Strawinskys. Im Frühjahr 2022 erschien die überwältigende Einspielung von Debussys «Pelléas et Mélisande»; jetzt legt Roth mit «L’heure espagnole» den ersten von Ravels beiden Einaktern nach.
Das spanische Schäferstündchen der erotisch unbefriedigten Concepción mit seiner frivolen Boulevard-Komik ist das bewusste Gegenstück zur schwermütigen Magie von Debussys Symbolismus. Musikalisch freilich geht Ravel in seiner Wiederbelebung der Opera buffa nicht weniger raffiniert zu Werk als ...
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Opernwelt Dezember 2023
Rubrik: CDs, DVDs und Bücher, Seite 30
von Uwe Schweikert
Zweimal eine Staatstheater-«Carmen» im Abstand von 170 Kilometern Luftlinie, zwei ehrgeizige Ansätze: der eine spektakulärer, der andere näher dran. Beide Abende, so unterschiedlich sie sind, blenden das Thema Tod so weit aus, wie es möglich ist, wenn in einer Oper alles auf den Tod hinausläuft. Und weder da noch dort, das ist konsequent, wird es auch nur für einen...
Seine letzte Oper sollte eine lustige sein – so der ausdrückliche Wunsch des belgischen Komponisten Philippe Boesmans, den er Freunden im Februar 2022, rund zwei Monate vor seinem Tod, mitteilte. Nach all jenen Tragödien, die er bis dahin geschrieben habe, vor allem nach «Julie» auf Strindberg, wolle er mit totaler Leichtigkeit (légèreté) und Nachlässigkeit (insouc...
Franz Schreker ist gewiss der tragischste Fall in der Musikgeschichte des 20. Jahrhunderts. Mit seinen Erfolgsstücken «Der ferne Klang» (1912), «Die Gezeichneten» (1918) und «Der Schatzgräber» (1920) war er zu Beginn der Weimarer Republik neben Richard Strauss der meistgespielte lebende Opernkomponist. Doch es bedurfte nicht erst der Nazis, um den Juden Schreker...
