Die zweite Haut

Asmik Grigorian triumphiert in Dmitri Tcherniakovs bitterböser Deutung von Strauss’ «Salome» an der Hamburgischen Staatsoper

Opernwelt

Man hatte es geahnt. Dieser Abend würde ihr Abend werden, eine Demonstration außergewöhnlichen Könnens. Und Asmik Grigorian, seit ihrem atemraubenden Auftritt als Salome bei den Salzburger Festspielen 2018 in Romeo Castelluccis magisch-mystischer Inszenierung unangefochtene Königin in dieser Partie, enttäuschte ihre Fans nicht. Die litauische Sopranistin «lieferte», wie man so schön sagt, und dies auf jene so wundersame wie wunderbare Weise, die sie heraushebt aus der Riege der großen Strauss-Interpretinnen.

Schauspiel und Gesang verknüpfen sich bei ihr zu einer Darstellung von ungezügelter, unbezähmbarer Wucht und Authentizität. Grigorian als Salome zu erleben, das war auch an der Hamburgischen Staatsoper ein Ereignis. Nur unter völlig anderen Vorzeichen.

Denn ihr Regisseur heißt diesmal nicht Romeo Castellucci, sondern Dmitri Tcherniakov. Während Castellucci nach den Abgründen in der Geschichte sucht, sucht Tcherniakov diese Abgründe in den Menschen selbst, in den Geschichten, die diese Menschen mit sich herumtragen, von denen sie gesteuert und definiert werden. Castelluccis Menschen schauen von einem fernen Planeten zu uns herüber, Tcherniakovs Menschen könnten wir bei einem Empfang, auf dem Trottoir oder in der U-Bahn begegnen, als Spiegelbilder einer verrohten, spätmodern-individualistischen Gesellschaft, gefangen in ihren unziemlichen Begierden, in bleiernen Neurosen, zum Teil sogar in schizoiden Konstellationen.

Dem russischen Regisseur, der wieder einmal sein eigener Bühnenbildner ist, genügt im Fall von Strauss’ Oper ein einziges Bild: eine Geburtstagsfeier. Der Jubilar heißt Herodes, er sieht in seinem scheußlichen grellpunktierten Anzug (Kostüme:  Elena Zaytseva) aus wie der Zwillingsbruder des Modedesigners Rudolph Moshammer. John Daszak gibt ihn mit ausgestellt guter Laune, in der Höhe manchmal mit etwas brüchigem Timbre, aber das kann man verstehen, wo der Tetrarch doch sichtlich nervös ist, gierig nach Aufmerksamkeit, Alkohol und Attraktionen. Wie eine Turteltaube fliegt er durch den mondänen Saal mit seinen Büsten, Glasfronten und der opulent gedeckten Tafel, stets bemüht um einen launigen Spruch, um eine schmissige Geste. Kaum aber kommt seine Stieftochter zur Tür hinein, in einem Outfit, das man bequem in einem Vintage-Laden kaufen könnte (rostorangefarbener Rock, schwarzes T-Shirt mit Aufdruck, hellbeige Daunenjacke), schmeißt er sich brüsk an sie heran. Salome erlebt das nicht zum ersten Mal, wie in einem schlechten B-Movie drückt sie seine Hände an ihre Brüste. Muss man wohl aushalten, solch einen üblen sexistischen Übergriff, es ist ja der Herrscher.

Salomes Rebellion liegt tiefer. Sie liegt in dem Spiel, das sie spielt, mit sich, für sich und für die Gäste, sie liegt in ihrem Anderssein. Diese Salome weiß, wen und was sie hasst, und um ihre Abscheu auszudrücken, genügt Asmik Grigorian eine wegwerfende Geste, ein maliziöses Lächeln, ein Tritt gegen einen Stuhl oder in die Weichteile eines Bewerbers. Sie verachtet all diese Leute, die gekommen sind, um dem reichen Mann zu huldi -gen, aber eben nur auf der ersten Ebene. Auf der zweiten geht es doch nur darum, Mitglied der gehobenen Kaste zu sein. Nur zwei Gäste sind anders. Narraboth (Oleksiy Palchykov glaubt man sein flammendes Verlangen nach der widerborstigen Prinzessin von Judäa in jedem Takt) ist wirklich und von ganzem Herzen entflammt – und deswegen umso verzweifelter, als er merkt, dass Salome, diese rotzlöffelhafte Actrice, ihn nur für ihre Zwecke benutzt. Denn da ist einer, der ihre Begierde weit mehr reizt – der Prophet Jochanaan (Kyle Ketelsen mit einem bravourösen Rollendebüt). Könnte der Dramaturg des Hauses sein, in seinen leicht ausgeblichenen Jeans und dem braunen Sakko über dunkelblauem Pullover, ist aber bei Tcherniakov so eine Art Faktotum, das man sich, wie früher bei Hofe, hält, um das geistige Niveau zu heben, aber auch, um Toleranz gegenüber dem intellektuellen Milieu zu zeigen. Ketelsens Jochanaan gefällt sich sichtlich in dieser Rolle. Während die anderen in ihren Partykostümen wie stumme Papageien am Tisch sitzen und dummes oder, wie im Fall der aufgeregten «Juden» (die schon rein äußerlich nicht den Hauch einer jüdischen Identität offenbaren), gelehrtes Zeug quasseln, sitzt er lässig am Kopf -ende, pustet genüsslich Zigarilloqualm in die Luft, trinkt Rotwein, liest in einem Buch oder räsoniert über die Unmoral derer, die ihn eingeladen haben; vor allem Herodias, die Dame des Hauses, hier eine völlig überpuderte Königin der Nacht (souverän wie eh und je: Violeta Urmana), kriegt ihr Fett ab, obwohl sich das bei einem solchen Anlass wohl kaum geziemt. Doch genau darin sind sich Jochanaan und Salome einig: in ihrem Wissen darum, dass ihnen niemand etwas anhaben kann. Sie dürfen das spielen, was sie spielen, es wird keiner einschreiten. Also spielt der Prophet Salomes siebenteiliges «Ich-will-deinen-Mund-küssen»-Spiel fast emotionslos mit, es ist ja nur ein Spiel. Den Kopf, darauf könnte man schon nach wenigen Minuten wetten, wird es ihn nicht kosten. Aber dazu später.

Vorher gilt es noch, den berühmten Tanz zu absolvieren. Tcherniakov entscheidet sich für eine ganz und gar unerotische Variante, bereitet diese aber poetisch und plausibel vor. Nachdem die widerspenstige Salome und ihre Mutter erstmals aneinandergerasselt sind, wirft Herodias die Tochter hochkant hinaus (das gleiche «Schicksal» ereilt sie übrigens später selbst, wenn Herodes ausrastet) und zwei Koffer gleich hinterher. Während die Geburtstagsgesellschaft unverdrossen weiter dem Ennui frönt, breitet Salome den Inhalt dieser Koffer vor sich aus wie eine Erinnerung an frühere, unbeschwerte Tage. Stoffpuppen, einen Pinguin, ein Sportband, zudem einen weißen Rock samt schwarzem Unterkleid, das sie vermutlich schon früher zu bestimmten «Anlässen» getragen hat. All das streift sie, nachdem sie sich ihrer Second-Hand-Kleidung entledigt hat, nun über, wie eine zweite Haut, schminkt die Lippen rot und das Gesicht leichenblass. So als wisse sie schon, was kommen wird. Und auch Herodes ist vorbereitet. Denn nur wenige Minuten später, gerade hat er Salome auf Kosten eines Eides zu diesem Tanz überredet, trägt er eine Geschenkschachtel heran, in der sich ein anderes Kleid befindet. Mintgrün ist es, mit einem weit aufgebauschten Ballerina-Tutu versehen, die passenden Schühchen und Strümpfchen gibt es gratis dazu, und in all dies hilft er Salome hinein, wie bei einem Ritual, während sie wie abwesend mit sich geschehen lässt, was schon viele Male in ihrem Leben passierte.

Es ist dieser Moment, in dem Asmik Grigorian in die Ferne schaut, doch nicht hoffnungsvoll, sondern wie ein Mensch, dem jeder Glaube an das Gute abhandengekommen ist. Und auch ihr Tanz ist kein Tanz, sondern die von Herodes geleitete Vorführung einer Puppe. Ein Bild von unerträg -licher Traurigkeit, es prägt sich tief ein und zeigt, wie verloren diese junge Frau ist. Aber eines kann sie von sich sagen: «Ich habe Jochanaan geküsst.» Zwar nur in Gedanken. Aber immerhin. Am Ende, Herodias steht wie eine Statue in der Tür, tritt Herodes herein und befiehlt, «dieses Weib» zu töten. Dabei ist die Prinzessin längst gestorben, innerlich. Zu unserem Glück hat sie zuvor noch ihren großen Schlussmonolog. Und in diesen Minuten strahlt die Strauss-Welt wie ein Polarstern. Doch nicht wegen des Orchesters, das unter der Leitung von Kent Nagano sorgsam-solide begleitet, nein: wegen einer Sängerdarstellerin, die als Salome himmelhochjauchzend sein kann und im selben Augenblick zu Tode betrübt, die sich häuten kann wie eine Zwiebel und doch ihr Innerstes nie preisgibt. Als der Vorhang fällt, tobt das Haus. Stehende Ovationen für eine begnadete Künstlerin.

Strauss: Salome
HAMBURG | STAATSOPER 
Premiere: 29. Oktober 2023
Musikalische Leitung: Kent Nagano
Inszenierung und Bühne: Dmitri Tcherniakov
Kostüme: Elena Zaytseva
Licht: Gleb Filshtinsky
Video: Tieni Burkhalter
Solisten: John Daszak (Herodes), Violeta Urmana (Herodias), Asmik Grigorian (Salome), Kyle Ketelsen (Jochanaan), Jana Kurucová (Page), Oleksiy Palchykov (Narraboth), James Kryshak (1. Jude), Florian Panzieri (2. Jude), Daniel Kluge (3. Jude), Andrew Dickinson (4. Jude), Hubert Kowalczyk (5. Jude), Alexander Roslavets (1. Nazarener), Nicholas Mogg (2. Naza -rener), David Minseok Kang (1. Soldat), Karl Huml (2. Soldat) 
www.staatsoper-hamburg.de


Opernwelt Dezember 2023
Rubrik: Im Fokus, Seite 8
von Jürgen Otten

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