Gespenstisch subtil

Rodion Shchedrin gelang 1994 eine kongeniale Opernfassung von Vladimir Nabokovs Roman «Lolita». Das Nationaltheater in Prag sorgt für eine großartige Renaissance

Was zunächst erstaunt bei dem heiklen Stoff: Sláva Daubnerová verweigert jede Aktualisierung oder ideologische Kontextualisierung. Doch die Zurückhaltung der slowakischen Regisseurin, Schauspielerin und Autorin bekommt Shchedrins «Lolita»-Oper ausgezeichnet. Das Stück bietet genug Deutung, nicht nur durch die subtile musikalische Textur, sondern auch dank des vom Komponisten erstellten Librettos, das als eigenständiger Kommentar über den Roman Vladimir Nabokovs hinausgeht.

Der Plot des Originals: Der Literaturwissenschaftler Humbert Humbert verliebt sich in die zwölfjährige Dolores Haze und lässt sich, um in der Nähe des Mädchens zu sein, auf eine Ehe mit deren Mutter Charlotte ein. Als die bei einem Autounfall umkommt, ist Humbert plötzlich alleiniger Erziehungsberechtigter, geht mit Lolita auf einen zweijährigen Roadtrip, vergewaltigt sie wiederholt, tötet den Nebenbuhler Quilty und stirbt schließlich im Gefängnis, bevor man ihm den Prozess machen kann. Shchedrin folgt weitgehend der Romanhandlung, moralisiert sie allerdings, indem er ans Ende das Todesurteil setzt. Die Ambivalenz der Geschichte, ihr Schwanken zwischen Fantasie und Wirklichkeit, die Rolle Lolitas, halb ...

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Opernwelt November 2019
Rubrik: Im Focus, Seite 22
von Volker Tarnow