Seltene Nähe
Masken, überall Masken. Die netten Platzanweiser tragen sie, während sie die gerade einmal 50 Zuschauer in das Münchner Nationaltheater geleiten. Auch das Publikum muss den Mund-Nase-Schutz aufbehalten. Und dann beginnt die Vorstellung damit, dass Holger Falk als verrückter englischer König von stummen Ärzten in Kitteln hereingeführt wird, die in gleicher Weise vermummt sind.
In Corona-Zeiten gehen Realität und theatrales Geschehen zusammen: Selten hat man sich als Opernbesucher so distanzlos als Teil einer Regiearbeit fühlen können wie in Andreas Weirichs szenischer Einrichtung der «Eight Songs for a Mad King» von Peter Maxwell Davies.
Zumal das spärliche Publikum auf der Bühne des Nationaltheaters postiert ist, auf festgeschraubten Stühlen im vorgeschriebenen Sicherheitsabstand, mit Blick auf den melancholisch leeren Zuschauerraum. Geschickt nutzt Weirich diesen ungewohnten Spielort aus. Am Anfang muss sich Falk in der Rolle des historischen Königs George III. erst von den weißen Bandagen befreien, die sein gesamtes Gesicht bedecken. Im Verlauf des halbstündigen Lied-Monodrams von 1969 umkreist er singend, verzweifelt lachend, im Strohbassregister knarzend, wie desorientiert das ...
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Opernwelt August 2020
Rubrik: Focus Spezial Neustart, Seite 19
von Michael Bastian Weiß
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