Der Traum des Theaters
Es ist verrückt, absurd, abgefahren. Aber in den letzten Tagen, Wochen, Monaten habe ich nicht nur einmal von Shylock geträumt. Von diesem eigenwilligen, selbstsüchtigen Mann, der zu Beginn von Shakespeares «Kaufmann von Venedig» wie ein (kapitalistischer) Triumphator auf dem Rialto erscheint und am Ende des Stücks, das nur äußerlich vorgibt, eine «Komödie» zu sein, alles verloren hat. Nun gut, sein Leben darf er behalten nach dieser fingierten Gerichtsverhandlung.
Ansonsten aber hat man Shylock so ziemlich alles genommen, was ihm teuer war: seine bürgerliche Existenz, seine Tochter Jessica, sein Geld und, schlimmer noch: seine Würde. Shylock verlässt die Bühne als entehrter Mann. Verspottet, verraten, verhasst.
Warum ich von ihm träume? Vermutlich, weil Shylock etwas (in seinem Fall: fast alles) verloren hat. Weil er mich daran erinnert, was ich verloren habe, andere, wir alle. Und das ist vermutlich mehr, als wir uns je vorzustellen wagten. Die Verluste wiegen schwer, sagt man. Doch das stimmt so nicht. Die Verluste, die wir erlitten haben (und vermutlich noch erleiden werden), sind, wie das Virus selbst, so gut wie unsichtbar. Sie wiegen wenig. Aber ich kann sie spüren, ...
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Opernwelt August 2020
Rubrik: Focus Spezial Verluste, Seite 26
von Olga Myschkina
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