Der Traum des Theaters

Ein Gespenst geht durch die Welt. Wir sehen es nicht, verstehen so gut wie nichts von ihm, von seinem Wesen, kennen nur den Namen. Das Coronavirus bringt vermeintlich Unumstößliches ins Wanken, verändert Seh- und Hörgewohnheiten und erhebliche Einbußen mit sich. Ein Verzeichnis der Verluste

Opernwelt - Logo

Es ist verrückt, absurd, abgefahren. Aber in den letzten Tagen, Wochen, Monaten habe ich nicht nur einmal von Shylock geträumt. Von diesem eigenwilligen, selbstsüchtigen Mann, der zu Beginn von Shakespeares «Kaufmann von Venedig» wie ein (kapitalistischer) Triumphator auf dem Rialto erscheint und am Ende des Stücks, das nur äußerlich vorgibt, eine «Komödie» zu sein, alles verloren hat. Nun gut, sein Leben darf er behalten nach dieser fingierten Gerichtsverhandlung.

Ansonsten aber hat man Shylock so ziemlich alles genommen, was ihm teuer war: seine bürgerliche Existenz, seine Tochter Jessica, sein Geld und, schlimmer noch: seine Würde. Shylock verlässt die Bühne als entehrter Mann. Verspottet, verraten, verhasst.

Warum ich von ihm träume? Vermutlich, weil Shylock etwas (in seinem Fall: fast alles) verloren hat. Weil er mich daran erinnert, was ich verloren habe, andere, wir alle. Und das ist vermutlich mehr, als wir uns je vorzustellen wagten. Die Verluste wiegen schwer, sagt man. Doch das stimmt so nicht. Die Verluste, die wir erlitten haben (und vermutlich noch erleiden werden), sind, wie das Virus selbst, so gut wie unsichtbar. Sie wiegen wenig. Aber ich kann sie spüren, ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Opernwelt-Artikel online lesen
  • Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Opernwelt August 2020
Rubrik: Focus Spezial Verluste, Seite 26
von Olga Myschkina

Weitere Beiträge
Phantome, Pragmatiker, Phantasten

«Das Wort ‹Familienbande› hat einen Beigeschmack von Wahrheit.» Wem fallen bei diesem Aphorismus von Karl Kraus nicht gleich die seit 150 Jahren vom Familienclan regierten Bayreuther Festspiele ein. Wagner hat nicht nur die Werktreue erfunden, den Autorwillen durchgesetzt, sein eigenes Theater erbaut, sondern seinen Nachfolgern mit den Modellinszenierungen auch...

Querdenker

Wir befinden uns in einem Hörsaal der Politikwissenschaft an der Universität Hamburg, in den 1990er-Jahren. Der Professor, auf dessen Lehrplan Kant und Machiavelli stehen sollten, doziert darüber, wie sich der Mythos mit seinem Drang der wiederholenden Erzählung kollektiver Erfahrungen und die lineare Geschichtsschreibung unterscheiden. Er erklärt Richard Wagners...

Multiperspektivisch

Sein letztes Opus beschäftigt sie seit Langem. Immer wieder hat Barbara Hannigan die «Quatre chants pour franchir le seuil» gesungen. Sich in jene vier Meditationen über die Schwelle zum Tod vertieft, die Gérard Grisey 1998 abschloss, kurz bevor eine Hirnblutung den 52-Jährigen aus dem Leben riss. Mit den Berliner Philharmonikern unter Simon Rattle führte die...