Selfie-Stick und Glitzerkanone
Ein Sommerabend in Rom. Sonnenstrahlen scheinen auf antike Ruinen, Überziehen die Terrakottatöne mit Bronzeglanz. Alles duftet noch nach der Hitze des Tages, die jetzt heftig aus den Steinen emporsteigt, einen Augenblick über der Erde verweilt, massig und schwer, bevor der Wind sie in den Himmel trägt. In den Pinien und Zypressen singen die Zikaden, über ihnen leuchtet der zunehmende Mond.
Ich sitze auf einem Plastikstuhl. Um mich herum ein Gerüst aus Stahlstangen und Pressplatten, das Zuschauerpodest einer der berühmtesten Freilichtbühnen Italiens: der Caracalla-Thermen.
Im alten Rom standen hier prunkvolle Badepaläste – sie sind lange verfallen, die Marmorvertäfelungen, Säulen und Statuen schmücken andere Gebäude. Schon über 80 Jahre nutzt die Oper Rom das Gelände als Sommerspielstätte. Am Abend gibt es Verdis «Aida». Keine Oper wurde hier so oft gespielt wie diese, der Schriftsteller Giorgio Vigolo schlug gar vor, die Bühne in «Aideo» umzutaufen. Und die Inszenierungen sollen Spektakel sein! Hollywoodreif, mit unzähligen Tänzern und Statisten, prächtigen Kostümen, einer Kulisse ägyptischer als das alte Ägypten.
Im Publikum sind alle schon ganz aufgeregt. Eine Dame hat sich ...
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Opernwelt September/Oktober 2019
Rubrik: Magazin, Seite 96
von Ida Hermes
I.
73 Meter unter der Erdoberfläche stehen wir, fröstelnd – und verstehen alles besser. Zu sehen ist nicht viel. Feuchte Felswände. Eine schwere Eisentür, wie zu einem Tresor. Gemauerte Sperren in diffusem Licht. Dahinter liegt die Grenze. Der schmale Tunnel, durch den wir – mit eingezogenem Kopf – hierher gekommen sind, wurde von Nordkorea aus gebaut. Alle paar...
Man hört es und fühlt sich sogleich erinnert. Dieser Seufzer! Unzählige Male wurde er in die Welt entsendet, so häufig und so verzweifelt, dass man irgendwann gar nicht anders konnte, als still und leise mitzuseufzen. Auf welchen Wegen aber gelangte dieses Sekundmotiv in ein Stück, das nicht «Pique Dame» heißt und aus der Feder Peter Iljitsch Tschaikowskys stammt?...
Frédéric Chopin gilt als «größter polnischer Komponist». Derlei Zuordnungen haben in der Regel ihr Richtiges wie Falsches. Denn trotz seiner Polonaisen und Mazurken war der in Paris lebende Chopin weniger ein nationaler als ein «europäischer» Komponist. Und das, obwohl Friedrich Nietzsche 1888 bekannte: «Ich bin immer noch Pole genug, um gegen Chopin den Rest der...
