Sehnsucht nach Transzendenz

Ein Sucher, der aus der Stille und der Leere schöpft: zum 70. Geburtstag des Regisseurs Willy Decker

Seine wichtigste Quelle ist die Leere. Die Absenz aller Gedankenschwere. Den Kopf müsse er frei haben, um anfangen zu können. Um empfänglich zu sein für Ideen, Perspektiven, Erfahrungen, die sonst unbemerkt blieben. Für inwendige Energien von Menschen, Dingen, Werken, die sich nicht von selbst erschließen. Für die Essenz jener verborgenen existenziellen Kräfte, die in allem schwingen.

Was ihn antreibt, den Künstler wie den Beobachter der Zeitläufte, ist die Frage nach dem metaphysischen Ort unserer modernen Lebenswelt, nach den Wurzeln einer durch Zweckrationalität gefährdeten Schöpfung. So gilt sein suchendes Interesse primär der transzendierenden Dimension von Musik, Poesie, Tanz und Theater, dem ihrer geistig-ästhetischen Gestalt eingeschriebenen Vermögen, uns mit dem Atem der Götter, dem Herzschlag des Universums zu verbinden.

In seinen besten Arbeiten hat Willy Decker diese Rückbesinnung auf die spirituell-rituellen Ursprünge des Bühnenspiels gleichsam unter der Hand sichtbar gemacht, unerschöpfliche Tiefe an der Oberfläche streng komponierter Gesten, Bewegungen und Bilder gezeigt. Dass er die Intendanz der Ruhrtriennale (2009–2011) nutzte, um – konsequent jenseits ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Opernwelt-Artikel online lesen
  • Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Opernwelt September/Oktober 2020
Rubrik: Magazin, Seite 77
von Albrecht Thiemann

Weitere Beiträge
Editorial September/Oktober 2020

Ein unglaublicher Vorgang: Als am 17. Juli der Verwaltungsrat des Staatstheaters Karlsruhe zusammentritt, um über die Zukunft des Generalintendanten Peter Spuhler zu beraten, demonstrieren knapp 300 Angestellte draußen vor der Tür, mehr als ein Drittel der Belegschaft. Die unmissverständliche Botschaft: Das Haus brauche dringend einen Neuanfang, und der sei nur...

Paradoxes Charisma

Man muss nicht gleich die Labyrinthe der Hegel’schen Dialektik bemühen, um zu erfahren, dass Gegensätze, ja Widersprüche, sich keineswegs ausschließen. Zwei Beispiele: Der Pianist Friedrich Gulda, als Exponent eines «modernen», motorisch-energetischen Beethoven-Stils ebenso gefeiert wie als engagierter Jazzmusiker mit Misstrauen bedacht, nannte als Vorbilder...

Wagner zum Lesen

«Parsifal» ist Wagners letztes Musikdrama, dem Untertitel nach ein «Bühnenweihfestspiel». Das ominöse Wort lässt sich in heutige Sprache übertragen: Es bezeichnet die spezifische Einheit von Aufführung, Spielstätte und Handlung, auf die es Wagner ankam, und die er auf vielfältige Weise mit Ritualen durchsetzte. Zwischen «Parsifal» und den Bayreuther Festspielen...