Sehnsucht nach Direktheit

In Kassel entstellte er Strauss’ «Rosenkavalier» mit den Mitteln der Revue und der ­Operette zu schneidender Kenntlichkeit (2000). An der Dres­dner Semperoper verlegte er Bergs «Woz­zeck»-Drama in das unwirtlich-kalte Milieu eines Einkaufszentrums (2004). An der Komischen Oper Berlin erzählte er das Händel-Pasticcio «Orest» in Bildern einer von Gewalt und Anarchie durch­setzten postkommunistischen Gesellschaft (2006). Wann und wo immer Sebastian Baum­garten ­Regie führt, sind heftige Kontroversen vorprogrammiert. Das hat auch damit zu tun, dass sein politisches Musiktheater eben nicht auf billige ­Aktualisierungen setzt, sondern Grenzen und Möglichkeiten der Gattung selbst befragt – im ­Bewusstsein ihrer komplexen Geschichte und ­unter dem Eindruck heutiger Welterfahrung.

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Schumann. Er erinnert an Robert Schumann, ein bisschen. Nicht physiog­nomisch, dafür ist er viel zu schlaksig. Auch ist nicht ­bekannt, dass Schumann sich der Welt je unrasiert gezeigt hätte. Nein, vor allem das Tempo ist es, das Tempo einer Schumann-Sonate: so rasch wie möglich. Und eben diese Spielanweisung scheint es ­irgendwo im Hinterkopf dieses erstaunlich begabten Menschen zu geben, als eine Art kategorischen Imperativ. Denke, handle und sprich schnell, das Leben rennt sonst an dir vorbei. Die Gedanken, die Ideen. Das, was du alles wissen willst. Und zeigen.


Ein Hungriger also, wissenshungrig, tatenhungrig, lebenshungrig. Und weil das so ist, spricht Sebastian Baumgarten eben auch in diesem flinken Tempo. All die Informationen, die er gespeichert hat, müssen schließlich irgendwohin, müssen aus der ideell-amorphen Welt hinaus, hinein in eine konkrete Welt. Und die befindet sich auf dem Theater. Mit und ohne Musik.
Da gilt es zunächst, einen Irrtum zu beseitigen. Sebastian Baumgarten hat nie gesagt, er wolle mit der Oper aufhören. Man hat es ihm angedichtet, vielleicht sogar, um diesen politischen, politisch denkenden und handelnden Regisseur davon abzuhalten, die Gattung, die ...

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Opernwelt Jahrbuch 2006
Rubrik: Regisseur des Jahres, Seite 48
von Jürgen Otten

Vergriffen
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