Séance mit Wagner
Eine Frau nachts im Museum. Sie sitzt unter einem Murillo-Bild mit dem Tod Marias, über dem der Maler auf einer weiteren Leinwand deren Himmelfahrt gestaltet hat. Sie ist versunken in sich, in einem dunklen Mantel überm schlichtgrünen Kleid, krümmt sich auf einem altmodischen Stuhl zusammen, starrt ins Nichts. Wir starren auf sie, hinter einer Absperrung, im Louvre-Saal, der der spanischen Malerei gewidmet ist. Plötzlich hebt sie zu singen an. «In der Kindheit frühen Tagen, hört ich oft von Engeln sagen…» Ein Klavier klingt dazu von irgendwo.
Waltraud Meier, die große Wagner-Heroine, die sich hier ganz menschlich und verletzlich gibt, nimmt – nachdem sie die rote Absperrkordel hat fallen lassen – uns 120 Besucher mit auf eine nur 40-minütige, aber alptraumhaft intensive Reise durch den sonst verwaisten Pariser Bilderpalast an der Seine.
Waltraud Meier singt Wagners Wesendonck-Lieder. Aber natürlich nicht nur das. Sie verleibt sie sich ein, verwandelt sie, erweitert die fünf Stücke, entstanden 1857 im «Tristan»- und «Siegfried»-Umfeld, in hochneurotische Nervenendenmusik, chromatische Sehnsuchtklänge und in das Psychogramm einer Suchenden, sich Verlierenden. Aber sie spielt sie auch, ...
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Opernwelt Januar 2011
Rubrik: Magazin, Seite 64
von Manuel Brug
Der erste Eindruck, der sich im Verlauf der ungeheuerlichen, mit paramusikalischen Klängen unterlegten Sturmszene einstellt: dass der 82-jährige Colin Davis im Dezember 2009 mit dem London Symphony Orchestra wohl – gefühlte Zeit – die «schnellste» Aufführung von Verdis «Otello» geleitet hat. Sie hat einen ähnlichen rhythmischen Drive wie die legendäre Aufführung...
Überraschen müsste nicht die späte Einsicht, die hier mitgeteilt und begründet wird. Überraschen müsste, dass es dazu so spät erst kommt. Immerhin liegt, worum es hier geht, schon mehr als hundert Jahre zurück, ohne dass es historisch verjährt wäre. Ob die Einsicht – falls sie denn überhaupt einleuchtet – zu heutigen Konsequenzen führen wird, bleibt abzuwarten....
Die Anmutung erinnert an ein Renaissance-Gemälde: die klaren Linien und Proportionen, die Harmonie der Formen und Farben, die Überfülle der Details, der souverän überschauende Blickpunkt. Das fotografische «Porträt» des Auditoriums im Gran Teatre del Liceu wirkt wie eine Komposition, wie das Werk eines Künstlers, der seinen Gegenstand mit den Augen des Architekten...
