Schwungvolles Plädoyer
Sie haben Recht behalten, der junge Hindemith und sein Librettist Marcellus Schiffer. Die Themen ihrer 1929 in Berlin von Otto Klemperer uraufgeführten lustigen Oper «Neues vom Tage» sind heute so aktuell wie damals. Kaputte Beziehungskisten, inszenierte Ehehöllen, intime Bekenntnisse für die Masse – wir kennen das. Wenn nicht aus eigener Anschauung, so doch via RTL oder aus der Regenbogenpresse. Auch die Einsicht, dass sich mit den kleinen und großen privaten Katastrophen auf dem Boulevard glänzend Geschäfte machen lassen, ist uns wohl vertraut.
Am Missgeschick der anderen kann man das eigene Mütchen eben am besten kühlen, zumal wenn es bis zur Unkenntlichkeit geschrumpft ist. Von diesem Antrieb lebt die Skandalgeschichte – seit eh und je.
Im politisch polarisierten Reizklima der späten Weimarer Republik ist die rasante Farce um zwei scheidungswillige Paare und einen öligen Vermittler, der schon mal einer Klientin im Museum nachstellt, selbst zum Skandalfall geworden. An dem Arioso nämlich, das der Sopran Laura (besagte Klientin) zu Beginn des zweiten Teils mit schönster Strauss’scher Kantileneninbrunst in der Badewanne über den Luxus der Warmwasserversorgung anstimmt, entzündeten ...
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Aha, denkt der MTV-versierte Zuseher sich zu Beginn: «Alles im Arsch». An den Videoclip zu diesem Song von Jan Delay und Udo Lindenberg erinnert, was sich da beim «Trovatore» auf der neuen Bühne des Slowakischen Nationaltheaters tut: Mafiosi konspirieren in einer Tiefgarage, und ihr Anführer (Schlapphut, Sonnenbrille, lange Haare) scheint Udo, dem Paten aller...
Die Substanz einer Oper ist das Sichtbare, nicht das Erzählbare», stellte der Musikwissenschaftler Carl Dahlhaus einmal kategorisch fest. Dem Opernliebhaber fallen freilich auf Anhieb etliche Szenen ein, in denen recht hemmungslos erzählt wird: Lohengrins Gralserzählung, Wotans großer Monolog im zweiten Akt der «Walküre», die Mägdeerzählung des Ochs auf Lerchenau...
Dem Regisseur Dietrich Hilsdorf ist es gelungen, sich seit mehr als zwei Jahrzehnten den Ruf eines ewig jungen Wilden zu bewahren. Opernwerke wirken auf ihn wie Festungsanlagen. Diese wollen beschossen und danach erstürmt sein. Was danach kommt, präsentiert sich unterschiedlich. Entweder wird die Festung wieder aufgebaut, oder sie wird geschliffen. Dann bleibt vom...
