Schuld und Sühne
Über Auschwitz schreiben? Eigentlich erscheint dies, und das beileibe nicht nur Adornos vielbemühten (und vieldeutigen) Verdikts wegen, als ein Ding der Unmöglichkeit.
Wie soll oder kann man ein Grauen in Worte fassen, das bis heute sprachlos macht? Und darf man dieses sprachlos Machende überhaupt in ästhetische Formen gießen? Liest man die romanhaften Reflexionen eines Primo Levi, Jorge Semprún oder Imre Kertész, gibt sich die Antwort plötzlich wie von selbst: Die Perspektive der betroffenen «Schicksallosen», Überlebenden, davon Beschwerten ist durchaus geeignet, das ungeheure Fiasko in semantisch berückende Bilder zu fassen, sprich, in Worte, die sich wie ein Schutzmantel über das Geschehene legen, um zugleich die Nacktheit dessen, der sie gesucht und gefunden hat, zu offenbaren. Um Wärme zu erzeugen, wo Kälte ein Urzustand von Wesenheit ist.
Aber lässt sich das auch in Klänge fassen? Ist es möglich, eine Oper zu komponieren, die dem Phänomen Auschwitz «gerecht» wird? Seit der Wiederentdeckung von Mieczysław Weinbergs «Passagierin» 2006 in Moskau (szenisch vier Jahre später in Bregenz) wissen wir: Es ist möglich. Und zwar vor allem deswegen, weil sich intellektuelle Distanz und ...
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Opernwelt April 2022
Rubrik: Im Focus, Seite 6
von Jürgen Otten
Als Jordi Savall nach dem großen Lockdown im Mai 2021 erstmals wieder ein öffentliches Konzert gab, wählte er mit Haydns «Schöpfung» geradezu programmatisch ein optimistisch von der aufklärerischen Vernunft getragenes Werk weltzugewandter Frömmigkeit und humanen Diesseitsvertrauens. Denn anders als in den Oratorien des Barock steht im Zentrum von Haydns...
Herr Currentzis, am Opernhaus von Perm haben Sie das Privileg der völligen künstlerischen Freiheit genossen, sind aber kürzlich nach Sankt Petersburg gezogen, wo Ihnen im Grunde nur ein experimenteller Proberaum zur Verfügung steht – «Dom Radio». Fehlt Ihnen als überaus theatralischem Menschen, der Sie selbst noch in Ihren Konzerten sind, nicht der Duft des...
Der Zeitzeuge zeigte sich beeindruckt: «Der erste Akt beginnt mit dem Erscheinen Auroras. Das ist das womöglich blühendste, wollüstigste Stück Musik, das ich bisher in der Oper gehört habe» – das schreibt Jacques Cazotte im Uraufführungsjahr 1753 von Mondonvilles pastorale héroïque «Titon et l’Aurore».
Große Instrumental- oder Chorbilder waren, neben einer...
