Schuld und Sühne
Über Auschwitz schreiben? Eigentlich erscheint dies, und das beileibe nicht nur Adornos vielbemühten (und vieldeutigen) Verdikts wegen, als ein Ding der Unmöglichkeit.
Wie soll oder kann man ein Grauen in Worte fassen, das bis heute sprachlos macht? Und darf man dieses sprachlos Machende überhaupt in ästhetische Formen gießen? Liest man die romanhaften Reflexionen eines Primo Levi, Jorge Semprún oder Imre Kertész, gibt sich die Antwort plötzlich wie von selbst: Die Perspektive der betroffenen «Schicksallosen», Überlebenden, davon Beschwerten ist durchaus geeignet, das ungeheure Fiasko in semantisch berückende Bilder zu fassen, sprich, in Worte, die sich wie ein Schutzmantel über das Geschehene legen, um zugleich die Nacktheit dessen, der sie gesucht und gefunden hat, zu offenbaren. Um Wärme zu erzeugen, wo Kälte ein Urzustand von Wesenheit ist.
Aber lässt sich das auch in Klänge fassen? Ist es möglich, eine Oper zu komponieren, die dem Phänomen Auschwitz «gerecht» wird? Seit der Wiederentdeckung von Mieczysław Weinbergs «Passagierin» 2006 in Moskau (szenisch vier Jahre später in Bregenz) wissen wir: Es ist möglich. Und zwar vor allem deswegen, weil sich intellektuelle Distanz und ...
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Opernwelt April 2022
Rubrik: Im Focus, Seite 6
von Jürgen Otten
Der Zeitzeuge zeigte sich beeindruckt: «Der erste Akt beginnt mit dem Erscheinen Auroras. Das ist das womöglich blühendste, wollüstigste Stück Musik, das ich bisher in der Oper gehört habe» – das schreibt Jacques Cazotte im Uraufführungsjahr 1753 von Mondonvilles pastorale héroïque «Titon et l’Aurore».
Große Instrumental- oder Chorbilder waren, neben einer...
Die Hörner besingen die Magie des Waldes. Langsam fährt die Kamera im Video von Philipp Contag-Lada während des Vorspiels den Bergwald hinunter, und schon stehen die Bäume in Flammen. Der Wald brennt. Weiter unten sieht man verkohlte Stämme, unter denen Hänsel und Gretel in einer notdürftigen Unterkunft mit den Eltern hausen. Regisseur Axel Ranisch macht von Anfang...
Im Quartett der bedeutendsten deutschen Opernkomponisten nach 1945 (Helmut Lachenmann zählt in eine andere Kategorie, sein «Mädchen mit den Schwefelhölzern» bleibt genuin fremdartiges musiktheatrales Unikat) hat Manfred Trojahn, so seltsam es anmutet, immer «nur» den undankbaren vierten Platz belegt, hinter Hans Werner Henze, Wolfgang Rihm und Aribert Reimann. Mit...
