Erste Wahl
Als Jordi Savall nach dem großen Lockdown im Mai 2021 erstmals wieder ein öffentliches Konzert gab, wählte er mit Haydns «Schöpfung» geradezu programmatisch ein optimistisch von der aufklärerischen Vernunft getragenes Werk weltzugewandter Frömmigkeit und humanen Diesseitsvertrauens. Denn anders als in den Oratorien des Barock steht im Zentrum von Haydns musikalischer Genesis nicht der sündige und büßende, sondern der in den ästhetischen Kategorien von Würde und Anmut idealisierte Mensch mit seiner Verherrlichung des Schöpfers.
In Haydns aufwühlender Vorstellung des Chaos allerdings, mit der das Werk beginnt, scheint nicht nur die Leere vor der Schöpfung, sondern auch die gegenwärtige Er schöpfung der Welt nachzuzittern.
Man meint, diese instrumentale Einleitung mit ihren schroffen Dissonanzen, ihrer herben Chromatik und ihren abrupten dynamischen Wechseln nie moderner, jedenfalls verstörender gehört zu haben als in diesem Livemitschnitt aus dem katalanischen Cardona. Savall und die 35 Instrumentalisten seines Orchesters deklamieren Haydns auskomponierte Unordnung mit einer Nachdrücklichkeit, die einem den Atem verschlägt. Diese an die rhetorische Topik des Barock erinnernde ...
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Opernwelt April 2022
Rubrik: Hören, sehen, lesen, Seite 28
von Uwe Schweikert
Herr Samoilov, wie geht es Ihnen?
Ich bin sehr, sehr traurig. Ich bin nervös, verzweifelt. Und manchmal alles zusammen. Was ich nicht spüre, ist Aggressivität oder Wut. Ich habe vor allem Angst um meine Familie, die in der Nähe von Odessa lebt, Angst um meine Freunde und Bekannten, Angst aber auch um Menschen, die ich nicht persönlich kenne, die aber diesem Krieg...
Eine Zeitreise verspricht Kindern eigentlich reizvolle Abenteuer und großes Amüsement, insbesondere dann, wenn sie sich in das Paris des Jahres 1860 begeben dürfen. Die Realität aber sieht anders aus: Gioachino Rossinis Schlafzimmer bietet nichts als blanken Ennui. Seit Jahrzehnten hat der «Schwan von Pesaro» kaum mehr eine Note zu Papier gebracht. Selbst am Herd...
Erstaunlich, was eine Stimme so alles kann. Krakeelen kann sie, krächzen, kichern, krähen, kratzen, klopfen, klagen, kreischen. Und sie kann noch mehr: stammeln, stöhnen, seufzen, schwärmen und schreien. Das sei zu viel der geräuschhaften Zumutungen? Nicht, wenn der Komponist Jörg Widmann heißt und die Interpretin Sarah Aristidou. Zehn Minuten lang mäandert sie in...
