Schafe satt

Jean-Joseph Cassanéa de Mondonvilles «Titon et l’Aurore» aus Paris

Opernwelt - Logo

Der Zeitzeuge zeigte sich beeindruckt: «Der erste Akt beginnt mit dem Erscheinen Auroras. Das ist das womöglich blühendste, wollüstigste Stück Musik, das ich bisher in der Oper gehört habe» – das schreibt Jacques Cazotte im Uraufführungsjahr 1753 von Mondonvilles pastorale héroïque «Titon et l’Aurore».

Große Instrumental- oder Chorbilder waren, neben einer sinnlichflüssigen Melodik, das Markenzeichen des Komponisten, dessen Ruhm sich in erster Linie auf seine grands motets gründete: polyphone Chortableaus, in denen die Bilder eines gewaltigen alttestamentlichen Gottes, der die Feinde seines ihm anverlobten Volkes zerschmettert, eine zuvor nicht geahnte Präsenz erlangt hatten. Wenn im zweiten Akt der Oper der eifersüchtige Éole gegen den simplen Hirten Titon, in den sich die Göttin der Morgenröte verliebt hat, seine Stürme entfesselt, dann zieht diese Ästhetik der Überwältigung in die Oper ein – und die «Nebengattung» der pastorale héroïque, die ja im Fantastischen zu Hause war, war der dafür besonders geeignete Ort. Im selben Jahr wird Mondonville mit seinem Psalm «In exitu Israel» ein gewaltiges Fresko vom Durchzug der Israeliten durchs Rote Meer komponieren.

Im berühmten Pariser ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Opernwelt-Artikel online lesen
  • Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Opernwelt April 2022
Rubrik: Hören, sehen, lesen, Seite 28
von Klaus Heinrich Kohrs

Weitere Beiträge
Der Preis ihres Lebens

Wie haben wir ihn nicht geschmäht: als Traditionalisten, als Katholiken, gar als Boulevardisten. Das war zu Zeiten, da Darmstadt noch den Vatikan der Neuen Musik beherbergte. Sie sind längst vorbei. Heute blickt man entspannter auf die Musik von Francis Poulenc, zum Beispiel auf die «Dialogues des Carmélites», Poulencs religiöse Oper von 1956 – zumal wenn sie so...

Treudeutsch

Weise Worte: «Personen in unserer gesellschaftlichen Stellung können niemals ausgezeichnete Künstler sein», schrieb Albert, Gemahl der englischen Königin Victoria, an seinen Bruder, den Herzog von Sachsen-Coburg und Gotha. «Es braucht das Bemühen eines ganzen Lebens, es zu werden.» Ernst II. sah das freilich etwas anders: Nicht weniger als fünf Opern und zwei...

Großes Kino

In unheimlicher Größe erhebt sich der Brokeback Mountain im Bühnenhintergrund. Ein finsterer Koloss, durchzogen von klaffenden Spalten und Rissen. Die unwirtliche Bergkulisse ist in Lukas Nolls Bühnenbild in schroffem Schwarz-Weiß gehalten, wie eine Federzeichnung. Durch die Videoprojektionen von Marc Jungreithmeier wird sie auf realistische Weise lebendig und...