Schafe satt
Der Zeitzeuge zeigte sich beeindruckt: «Der erste Akt beginnt mit dem Erscheinen Auroras. Das ist das womöglich blühendste, wollüstigste Stück Musik, das ich bisher in der Oper gehört habe» – das schreibt Jacques Cazotte im Uraufführungsjahr 1753 von Mondonvilles pastorale héroïque «Titon et l’Aurore».
Große Instrumental- oder Chorbilder waren, neben einer sinnlichflüssigen Melodik, das Markenzeichen des Komponisten, dessen Ruhm sich in erster Linie auf seine grands motets gründete: polyphone Chortableaus, in denen die Bilder eines gewaltigen alttestamentlichen Gottes, der die Feinde seines ihm anverlobten Volkes zerschmettert, eine zuvor nicht geahnte Präsenz erlangt hatten. Wenn im zweiten Akt der Oper der eifersüchtige Éole gegen den simplen Hirten Titon, in den sich die Göttin der Morgenröte verliebt hat, seine Stürme entfesselt, dann zieht diese Ästhetik der Überwältigung in die Oper ein – und die «Nebengattung» der pastorale héroïque, die ja im Fantastischen zu Hause war, war der dafür besonders geeignete Ort. Im selben Jahr wird Mondonville mit seinem Psalm «In exitu Israel» ein gewaltiges Fresko vom Durchzug der Israeliten durchs Rote Meer komponieren.
Im berühmten Pariser ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Opernwelt-Artikel online lesen
- Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Opernwelt April 2022
Rubrik: Hören, sehen, lesen, Seite 28
von Klaus Heinrich Kohrs
Performative Energien
Ein Multitalent? Es ist anzunehmen. Sirje Aleksandra Viise, die in den USA und in Berlin studierte und sich danach auf die zeitgenössische Musik und Kunst stürzte, ist nicht nur eine Expertin für besondere Klangwelten, sie liebt auch das Experimentelle an sich. Ihre Abende sind mehr als nur reine Aufführungen, sie sind vor allem eindrucksvolle...
Floris Visser stellt Händels Oratorium «Hercules» gleichsam auf den Kopf und erzählt die Geschichte von ihrem Ende her. Wenn sich zur Ouvertüre der Vorhang hebt, sehen wir, wie Dejanira, die unglückliche Mörderin des antiken Heroen, im stummen Spiel den zu den Gestirnen erhobenen Toten auf dem an die Wand ihres Zimmers kartierten Himmelsfirmament sucht. Plötzlich...
Herr Currentzis, am Opernhaus von Perm haben Sie das Privileg der völligen künstlerischen Freiheit genossen, sind aber kürzlich nach Sankt Petersburg gezogen, wo Ihnen im Grunde nur ein experimenteller Proberaum zur Verfügung steht – «Dom Radio». Fehlt Ihnen als überaus theatralischem Menschen, der Sie selbst noch in Ihren Konzerten sind, nicht der Duft des...
