Schubert lebt!
Das Wandern ist des Müllers Lust? Weit gefehlt. Schon im Vorspiel macht Daniel Heide deutlich, dass diese Reise wohl eher beschwerlicher Natur sein wird. Nicht eine Tartanbahn oder gar ein samtseidener Teppich dienen dem Wanderer als Untergrund – holprig und steinig sind die Pfade, die er betritt. Schwer rattern die Sechzehntel der Rechten, Bydlo-schwer schleppen sich die Achtel im Bass voran. Und auch die Stimme Andrè Schuens ist bereits in den ersten Takten weniger von Frohmut als von Verzagtheit und Unruhe geprägt. Ob er sein Ziel jemals erreichen wird, scheint zumindest fraglich.
Und bleibt es bis zum Schluss.
Vor allem darin liegt die hohe Kunst dieser Ausdeutung: Sie belässt den Hörer im Ungewissen. Spannt ihn auf die Folter. Drückt ihn in den Sessel. Und gewährt zugleich den Blick in eine verwundete Seele. Die Gründe dafür liegen im Wesen der Interpretation selbst. Jeder Moment ist so differenziert, delikat und pointiert ausgestaltet, als sei gerade er der alles entscheidende. Davon lebt das Ganze. Und davon, dass hier zwei Künstler miteinander musizieren, deren Idee von Schuberts «Schöner Müllerin» zu 100 Prozent übereinstimmt. All die Irrungen und Wirrungen, denen der ...
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Opernwelt Mai 2021
Rubrik: CD des Monats, Seite 31
von Jürgen Otten
Der Titel ruft lässt unvermittelt die Erinnerung an einen der schönsten Romane aus der sprudelnden Feder Isabel Allendes hervor: «Das Geisterhaus». Und ebenso an die Stückadaption des Stoffes, «The House of the Spirits» von Cavidad Svich. Doch keine Sorge, durch diese heiligen Hallen geistern keine Gespenster, sondern lauter inspirierte Menschenkinder. So zumindest...
Die Aufmachung und das Papier, die Schrifttype und die Farbgestaltung hätten wohl dazu geführt, dass ich dieses Buch nicht genauer gelesen hätte, zu sehr erwartete ich einen Band, der lediglich einige Klischees bedienen würde, ohne eine gewisse Tiefe zu erreichen. Hinzu kam: Ein vermeintliches Sammelsurium, das fünf Essays über Aufführungspraxis, neun Interviews...
«Wie viel Musik braucht der Mensch?» Offenbar viel, und noch mehr Ideen und dramaturgische Eingebungen dazu, wie sie Hans Neuenfels gern in Texten verdichtete. Eine Auswahl davon hat er 2009 unter diesem investigativen Buchtitel versammelt – in einer Art berauschtem Selbstappell als «Beschwörungen, Ablagerungen freigelegter Empfindungsschichten, Auffangbecken der...
