Chiffren der Überwältigung

Poetischer Intellektueller, feinsinniger Psychoanalytiker der Oper, Provokateur und Wünschelrutengänger der Interpretationskunst – zum 80. von Hans Neuenfels

«Wie viel Musik braucht der Mensch?» Offenbar viel, und noch mehr Ideen und dramaturgische Eingebungen dazu, wie sie Hans Neuenfels gern in Texten verdichtete. Eine Auswahl davon hat er 2009 unter diesem investigativen Buchtitel versammelt – in einer Art berauschtem Selbstappell als «Beschwörungen, Ablagerungen freigelegter Empfindungsschichten, Auffangbecken der überwältigenden Gefühle», hingeschrieben im Bann der eigenen Inszenierungen, «um nicht von der Gewalt der Kompositionen fortgeschwemmt zu werden».

Erzählerische Notate, Collagen, wie etwa «Giuseppe e Sylvia», die Fantasie einer Begegnung Giuseppe Verdis mit der Dichterin Sylvia Plath. Lauter abenteuerliche Erdichtungen um Komponisten, ihre Werke und Neuenfels’ eigene Projekte, emotionalisiert ausgestoßen im Sich-Vergewissern der immerhin 30 Opern, die er bis dahin inszeniert hatte.

«Ich suchte ununterbrochen nach möglicher Identifikation, nach unmittelbaren oder verborgenen Verknüpfungen zu den Komponisten und ihrer Musik», schreibt Neuenfels. Nicht nur mit seinen Inszenierungen, immer auch mit den darin verborgenen Fragen und Reflexionen offenbarte der Regisseur sich als der poetische Intellektuelle, als Psychoanalytiker ...

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Opernwelt Mai 2021
Rubrik: Magazin, Seite 56
von Wolfgang Schreiber

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