Schreie und Flüstern
Auf Gottes Geheiß soll ein alternder Vater seinen Sohn opfern. Alttestamentarische Wucht und Gewalt eines strafenden Gottes mag man mit dem unbarmherzigen Gebot assoziieren. Doch es ist die noch viel weiter zurückreichende Macht des Schicksals der griechischen Antike, die in Mozarts jugendfrisch-kühnem Geniestreich von 1781 zunächst noch einmal beschworen wird.
In der französischen Textvorlage von Antoine Danchet, die André Campra 1712 als «Tragédie en musique» vertonte, folgt dem fatalen Gelübde Idomeneos tatsächlich auch die tödliche Tat: Der Kreterkönig verspricht, den ersten Menschen zu opfern, der ihm nach glücklicher Heimkehr aus dem gewonnenen Trojanischen Krieg am heimischen Strand begegnet. Das ist kein anderer als sein Sohn Idamante. Da nun aber Mozarts Opera seria die barocken Gepflogenheiten der Gattung bedient, ist das lieto fine Pflicht. Und der mit dem römischen Neptun identische Poseidon der griechischen Götterriege offenbart seine sonst eher unterbelichtete Neigung zur sanftmütigen Vergebung: Idamante darf leben und fortan mit der liebenden Ilia an seiner Seite das Zepter von Idomeneo übernehmen, der zugunsten des Sohnes abdankt. Happy End. Dieser sonst so zornige ...
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Opernwelt April 2024
Rubrik: Im Focus, Seite 20
von Peter Krause
Schon Hermann Bahr wusste es: «Was zieht im Theater? Was den Frauen gefällt. Was gefällt den Frauen? Was von ihrer Sache handelt. Was ist ihre Sache? Was sie Liebe nennen.» Zwar galt die ätzende Bemerkung des Schriftstellers und Kritikers der Komödie «Candida» von George Bernard Shaw, doch darf man sie durchaus auch auf die Operette beziehen, als aphoristisches...
Clair-Obscur», so war jene 2021 erschienene CD betitelt, auf der Sandrine Piau die zwischen Licht und Schatten changierende spätromantische Liedkunst von Richard Strauss, Alexander von Zemlinsky und Alban Berg erkundete. Jetzt widmet sie sich, unter dem Stichwort «Reflet», den Widerspiegelungen von Poesie und Gesang in der französischen Musik des 19. Jahrhunderts....
Meiningens Intendant Jens Neundorff von Enzberg liebt es, tief und ausführlich in die Geschichte zu schauen und dann Ungewöhnliches ans Licht zu befördern. In den letzten Jahren holte er etwa «Santa Chiara» aus der Versenkung, eine Oper des kunstsinnigen Herzogs Ernst II. von Sachsen-Coburg und Gotha, der das Theater einst zum weit über Landes- und Standesgrenzen...
