Schreie und Flüstern
Auf Gottes Geheiß soll ein alternder Vater seinen Sohn opfern. Alttestamentarische Wucht und Gewalt eines strafenden Gottes mag man mit dem unbarmherzigen Gebot assoziieren. Doch es ist die noch viel weiter zurückreichende Macht des Schicksals der griechischen Antike, die in Mozarts jugendfrisch-kühnem Geniestreich von 1781 zunächst noch einmal beschworen wird.
In der französischen Textvorlage von Antoine Danchet, die André Campra 1712 als «Tragédie en musique» vertonte, folgt dem fatalen Gelübde Idomeneos tatsächlich auch die tödliche Tat: Der Kreterkönig verspricht, den ersten Menschen zu opfern, der ihm nach glücklicher Heimkehr aus dem gewonnenen Trojanischen Krieg am heimischen Strand begegnet. Das ist kein anderer als sein Sohn Idamante. Da nun aber Mozarts Opera seria die barocken Gepflogenheiten der Gattung bedient, ist das lieto fine Pflicht. Und der mit dem römischen Neptun identische Poseidon der griechischen Götterriege offenbart seine sonst eher unterbelichtete Neigung zur sanftmütigen Vergebung: Idamante darf leben und fortan mit der liebenden Ilia an seiner Seite das Zepter von Idomeneo übernehmen, der zugunsten des Sohnes abdankt. Happy End. Dieser sonst so zornige ...
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Opernwelt April 2024
Rubrik: Im Focus, Seite 20
von Peter Krause
Es ist kaum zu glauben. Wer das Stück in der phänomenalen Produktion des Opernhauses Zürich erlebt, könnte es für eine Schöpfung unserer Tage halten. Tatsächlich aber stammt «Amerika» von Roman Haubenstock-Ramati aus den Jahren 1962 bis 1964 – dass das Werk bei seiner Uraufführung an der Deutschen Oper Berlin, deren Intendant Gustav Rudolf Sellner es in Auftrag...
Heinrich Heine wusste sehr wohl, wie kompliziert es um die allerschönste Hauptsache der Welt meist bestellt ist: «Ein Jüngling liebt ein Mädchen, / die hat einen andern erwählt; / der and’re liebt eine and’re, / und hat sich mit dieser vermählt.» Zahllos sind die Dramen, in denen diese Konstellation in vielen Variationen zu veritablen Verwicklungen, Verirrungen und...
Die Entscheidung fällt nicht eben leicht: Soll man Lehárs «Lustige Witwe» nun toll finden oder doch eher ein bisschen doof? Wäre der Maßstab die Art und Weise, wie Patrick Hahn den orchestralen Entr’acte mit der Melodie des Vilja-Lieds vor dem Finalakt dirigiert und dabei jede feine Nuance dieses melancholischen Klangbildes hervorzaubert, fiele das Votum klar aus:...
