Die Verdammten
Die berühmteste Passage in Tschaikowskys «Eugen Onegin» ist die große Briefszene der Tatjana im ersten Akt: Die schwärmerisch veranlagte, sich vor der russischen Langeweile in die Literatur flüchtende junge Frau ist jäh für den abgebrühten Großstädter Onegin entflammt und schreibt ihm nachts einen glühenden Brief, in dem sie ihm ihre Liebe gesteht.
Das Aufwallen ihrer lodernden Gefühle, das Zaudern und Zweifeln und schließlich den sich selbst beschleunigenden Fluss ihres Schreibens hat der Komponist minutiös proto -kolliert, es ist seine vielleicht größte Opernszene überhaupt und ein Prüfstein für jeden Regisseur. Wer genau hinhört, sollte schlüssige Bilder finden für den inneren Sturm der Tatjana und ihren existenziellen Kampf um die richtigen Worte. Regisseur Vasily Barkhatov hat das in Bonn getan, ist förmlich hineingekrochen in Tschaikowskys Partitur. Daraus entsteht die pure Magie, denn Bar -khatovs Tatjana – die mädchenhaft wirkende Anna Princeva – bewegt sich derart frei von gestischen Klischees, als entstünde die Musik aus ihrer inneren Erregung und nicht, wie so häufig, umgekehrt. Die junge Liebende geht ruhelos umher mit ihrem Papier, setzt sich an den Flügel, schreibt, ...
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Opernwelt April 2024
Rubrik: Im Focus, Seite 28
von Regine Müller
Im vergangenen Juli legte die Gewerkschaft Les Forces musicales, die 51 französische Opernhäuser und Orchester vertritt, eine konsternierende Broschüre vor. «La Saison fantôme» betitelt, stellte sie eine Auswahl von 19 «Geister-Produktionen» vor, die das Publikum diese Spielzeit nicht oder nur in flüchtigen Umrissen zu sehen bekommt. Abgesagte Produktionen oder...
Unnahbarkeit strahlt sie aus, die Bronzestatue Kirsten Flagstads vor dem Opernhaus zu Oslo. Als wollte die große Sopranistin sagen: «Lasst mich in Ruhe!» Diese Aufforderung kam ihr denn auch aus tiefstem Herzen. Gerichtet war sie an jene Zeitgenossen, die Fake News über sie schon zu einer Zeit verbreiteten, da diese Kategorisierung von öffentlich gemachten...
Bühnenbilder von Karl-Ernst Herrmann bewegten sich immer «in einer unnachahmlichen Spannung zwischen den hinreißenden Details und dem großen Ganzen Schönen», schrieb Gerhard Stadelmaier 2018 in seinem Nachruf für die FAZ. Das große Ganze, meistens auch Schöne ist bekannt: Herrmanns Anfänge mit Kurt Hübner in Ulm und Bremen, die höchst individuellen (Ent-)Würfe für...
