Schottland tanzt, turnt, turtelt
Dieses Bild: be(d)rückend trist. Ein Alptraum. Einsam, verlassen liegt da, auf leerer Bühne, die Königstochter, maskiert, in sich gewendet, zernichtet und doch angeweht von metaphysischer Seligkeit, um sich herum spiegelverzerrte Videosequenzen der Erinnerung (Voxi Bärenklau). Nur noch eines will sie, das Ende. Und so singt Ana Durlovski sich diesen Wunsch nach dem Jenseits glühend-innig von der Seele, begleitet von tief seufzenden, in Terzen, Quinten und Oktaven abstürzenden Achteln des eloquenten Orchesters.
Nicht zufällig steht Ginevras ausufernde Larghetto-Arie «Il mio crudel martoro» am Ende des zweiten Akts in der Tonart, die Händel zuvor bereits ihrer Hofdame Dalinda und Lurcanio, dem Bruder ihres Verlobten, zugeteilt hatte. E-Moll, das ist in diesem Stück die Tonart der Gedemütigten, klanggewordene Introspektion. Verblichen jene frühlingshaft-unbeschwerten Stunden, als Ariodantes Verlobte ein trotzig-kapriziöses Mädchen war, das seinen Schmuck liebte und mit kecken Worten die Hässlichkeit Polinessos, des hölzernen Herzogs von Albany, verhöhnen durfte. Nun aber, da das Gift der Intrige seine Wirkung getan hat, da die tödliche Herzensangst der c-Moll-Arie «Mi palpita il core, ...
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Opernwelt April 2017
Rubrik: Im Focus, Seite 4
von Jürgen Otten
Das Stück ist sakrosankt, unantastbar. Vollendete Vokalkunst. Und einer der tristesten Klagegesänge der Musikgeschichte. «When I am laid in earth», Didos Weltabschiedsarie, trägt den Schmerz einer ganzen Epoche in sich, ist aber zugleich von einer so ätherischen Schönheit, dass man das Leben im Jenseits fast schon wieder als wunderbar imaginieren möchte. Der Tod...
Wie ein Mühlrad rotieren die vier kleinen Räume auf der schmalen Drehbühne. Uns schaudert es beim Anblick dieser schäbigen Enge, in der beschädigte Menschen das Leben der anderen und ihr eigenes zerstören. Marie sitzt melancholisch am offenen Fenster ihrer kleinen Kammer, Doktor und Hauptmann zucken in ihren Räumen, während Andres Hasen ausnimmt und aufhängt. Sie...
Es ist nur ein Blick. Aber er verändert alles, augenscheinlich, offenkundig, unausweichlich. Es ist der Blick einer jungen Frau, die das Tragische ablehnt, weil sie sich nach einer Zukunft sehnt, in der das Leben den Tod überwindet. Soeben hat dieser ihr die Mutter entrissen, und wieder war es Orest, der von den Furien Getriebene, durch Elektra Angestachelte, der...
