Jugendliche Grenzgänger
Benjamin Britten war skeptisch. Vermutlich, so schrieb er nach Vollendung seines «Peter Grimes», werde kaum jemand die Oper auf der Bühne ertragen können. Warum, zeigt die Arbeit des jungen österreichischen Regisseurs Philipp M. Krenn. Er verortet das Stück, ganz im Sinne Brittens, an der Schmerzgrenze zum Unerträglichen. Krenns Inszenierung zeigt den Titelhelden als eine gespaltene, von Kindheitserlebnissen traumatisierte Persönlichkeit, schwer belastet durch den Verdacht, Schuld am Tod seines Lehrjungen zu tragen.
Hoch in den von Rolf Glittenberg entworfenen Bühnenraum entrückt, schwebt Grimes’ karg möblierte, in verblichenem Hellblau getünchte Kammer während des gesamten Abends über dem Geschehen. Sich auf seinem Bett wälzend, durchlebt Hauptdarsteller Lance Ryan dort den qualvollen Prozess psychischer Selbstzerstörung; sowohl die gerichtliche Untersuchung des Todesfalles als auch die Stimmen der aufgebrachten Dorfbewohner sind seinem eigenen Inneren entsprungen; dort schreit, brüllt und tobt es. Grimes selbst erhebt Anklage – und rutscht schließlich, nachdem das Bett mehr und mehr in Schieflage geraten ist, auf den Boden hinab wie in einen Abgrund. Ryan verkörpert die ...
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Opernwelt April 2017
Rubrik: Magazin, Seite 86
von Silvia Adler
Wenn in Hannover Dalands Schiff und des Holländers Geisterschiff in See stechen, dann heißt es volle Fahrt voraus: Ivan Repušić lässt das Niedersächsische Staatsorchester mit Verve aufspielen. Es gibt zügige Tempi, viel orchestrale Dramatik bläht die imaginären Segel. Wohin die Reise geht, weiß man da noch nicht, denn die Ouvertüre muss nicht gegen eine Bilderflut...
Bescheidenheit blieb seine Zier. Kurt Moll war ein Star, der in Tokio genauso Beifallsstürme auslöste wie in München oder Wien. Seine Residenzen an der Metropolitan Opera dauerten bisweilen so lang, dass seine Kinder in New York auf die Schule gingen. Dennoch war ihm eitles Gehabe fremd. Er kannte Kollegen, mit denen er einmal gesungen hatte, selbst nach Jahren...
«Chi a una sola è fedele verso l’altre è crudele», sagt Don Giovanni zu Beginn des zweiten Aktes zu Leporello: Wer einer einzigen treu bleibe, sei grausam zu allen anderen. Bei Seho Chang in Linz wirkt dies irgendwie drollig, denn der Koreaner ist von der Erscheinung her eher rundlich-knuddelig. Möglicherweise appelliert er an den Mutterinstinkt – ein nicht zu...
