Schmalspurbarock
Der Anfang überrumpelt: Eine wüste Soldateska im Kampfanzug von Fallschirmjägern stürzt auf die Bühne, seilt sich teilweise aus dem oberen Rang des Globe-Theaters ab und hält eine zum Festmahl versammelte Gesellschaft brutal in Schach. Da fühlt man sich, verstärkt durch den direkten Kontakt zur Spielfläche im Provisorium «RheinOperMobil», an Peter Sellars’ einstigen Zugriff auf Händels Meisterwerk erinnert. Doch Philipp Himmelmann verzichtet bei seiner Verlegung des historischen Konflikts ins Heute auf Sellars’ oft witzig angeschrägte Zuspitzungen.
Eine schwarze Dominaschar als Harem des Ptolemäus, die als Waffe eingesetzte Maggie-Thatcher-Handtasche der Cornelia oder ein Planschbecken für den völlig verschenkten Tugend-Zauber der Cleopatra (ohne Bühnenorchester) sind Klischees der Handelsklasse B (Ausstattung: Gesine Völlm).
Umso kräftiger legt Himmelmann die Regiehand am Ende an. Die Soldateska liquidiert sich im Stroboskopgewitter selbst, die sanftmütige Cornelia sticht mit dem Messer wie wahnsinnig in den von ihrem Sohn Sextus bereits erlegten Bösewicht Ptolemäus, und Cleopatras Vertrauter Nirenus macht den jungen Sextus betrunken, um dessen Niederlanden einen pädophilen Besuch ...
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Gefängnisse waren in der Operngeschichte immer Stellwerke zwischen Leben und Tod. Wir wurden der Dunkelheiten in «Fidelio» gewahr, sahen die trügerischen Sterne über der Engelsburg in «Tosca», tauchten ein ins fahle Freiheitslicht in Janáceks «Totenhaus», ins Straflager von Schostakowitschs «Lady Macbeth von Mzensk», in die Alpträume von Dallapiccolas «Il...
Eine Szene gibt es an diesem Abend, die ist so bewegend, dass sie beinahe atemlos macht. Es ist eine Szene, in der die Musik von Andrea Lorenzo Scartazzini, die sonst so gern auftrumpft, dem Schweigen nahe ist, wo sie dem Bild die Macht überlässt, den Worten. Rechts, am Rand der Bühne, Judit, die Tochter des Mörders Goncalvez, im roten, gleichsam blutdurchtränkten...
Es gehört wohl zu den anthropologischen Konstanten, dass sich im subjektiven Rückblick die Dinge umso mehr verklären, je weiter sie in der Vergangenheit liegen. Der oft im Brustton der Überzeugung vorgetragene Glaubenssatz, dass früher alles besser gewesen sei, ist dabei natürlich meist weniger fundiertes Lob des Gewesenen als Ausdruck des Unbehagens an einer als...
