Scherz, Satire und tiefere Deutung
Darauf muss man erst mal kommen. Juno, die große Abwesende, die Unsichtbare, mischt von Anfang an mit. Normalerweise regt sich die hohe Dame erst im letzten Aufzug coram publico über die erotischen Eskapaden ihres Göttergatten Jupiter auf. Bis dahin schmollt sie stumm im Off – so steht’s im «Platée»-Textbuch von Adrien-Joseph Le Valois d’Orville und in den Noten Jean-Philippe Rameaus.
Das arglistig-köstliche Spiel mit der mannstollen Sumpfnymphe, die Jupiter zum Schein anbaggert, um die Eifersucht seiner Angetrauten der Lächerlichkeit auszuliefern, findet weitgehend hinter deren Rücken statt. Über zwei turbulente Akte hinweg wird die Intrige eingefädelt, ohne dass man die frustrierte Göttin zu Gesicht bekäme. Eine Randfigur mit drei kurzen Sopran-Auftritten kurz vor Ultimo? «Einspruch», protestiert Regisseurin Mariame Clément: «Vielleicht ist Juno ja der Dreh- und Angelpunkt des Stücks. Und Platée eine Art Alter Ego, ein Spiegel, in dem sich verschiedene Frauenbilder, -fantasien und -rollen spiegeln. Vielleicht braucht Juno diesen Spiegel, um sich und ihren eigenen Ort im Geflecht dieser (männlichen) Projektionen zu erkennen.»
Also erscheint Madame Junon schon auf der Bühne der ...
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