Virtuell und virtuos

Bloß keine Wartburg: Der Sängerkrieg um das Wesen der Liebe gehört nach Indien, sagt La Fura dels Baus. Nein, er findet bei der Heilsarmee statt, sagt Stefan Herheim. Bei den jüngsten «Tannhäuser»-Premieren an der Mailänder Scala und in Oslo fluten die Bilder. Und doch könnten die Aufführungen unterschiedlicher kaum sein.

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Die Hürde jeder «Tannhäuser»-Auffüh­rung steht am Anfang. Für den Venusberg hat Wagner zunächst eine brave Version geschrieben, die sich ganz an den Dialog hält: Der sinnessatte Minnesänger versucht zu Rezitativischem und einem erweiterten Weber-Orchester von der Göttin der Liebe loszukommen. Später, für Paris, komponierte Wagner an dieser Stelle viel Musik dazu, diente sich der Grand Opéra (ohne die «Tannhäuser» ohnehin undenkbar wäre) eng an und versuchte so anrüchig zu tönen wie möglich. Schwüle Lüsternheit ist jetzt Trumpf.

Das Ballett hat seinen großen Auftritt, Chromatik und Todessehnsucht des «Tristan» werfen ihre Schatten. Weil das niemand im Sinne eines Beate-Uhse-Ladens sehen oder inszenieren will, Nacktheit auf der Bühne meist unerotisch wirkt und Grenzen der Lust heute anders überschritten werden als in Pariser Bordellen des 19. Jahrhunderts, fällt die Szene meist weg. Man spielt die karge, frühe, risikofreie Dresdner Fassung. In den beiden jüngsten «Tannhäuser»-Premieren ist das anders. Der Venusberg wird in voller Länge gegeben. Mehr: Er ist der jeweilige Höhepunkt des Abends, entwickelt szenische Koordinaten, bleibt Bezugspunkt und optische Klammer. Wie das?

An der ...

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Opernwelt Mai 2010
Rubrik: Im Focus, Seite 6
von Stephan Mösch

Vergriffen
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