Schein und Sein

Ben Glassberg dirigiert «The Turn of the Screw», Ivor Bolton entdeckt den unbekannten Britten

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Der Erzähler bringt es gleich zu Beginn auf den Punkt: «It is a curious story.» In der Tat, es ist eine seltsame Geschichte. Schon die Vorlage zu Benjamin Brittens 1954 in Venedig uraufgeführter Oper «The Turn of the Screw» ist es, Henry James’ gleichnamige Novelle von 1898. Darin wird, verkürzt gesagt, eine der wesentlichen Fragen unserer Existenz gestellt: Ist das, was wir sehen, wirklich geschehen? Oder ist es nur Einbildung, Wunschtraum, Vorstellung, Projektion oder schlimmer gar: Psychose? Wir wissen es nicht, werden es wohl auch nie je herausfinden.

Weder James noch Britten beantworten diese Frage in irgendeiner Weise. Das Geheimnis von Bly bleibt gewahrt. Auf immer. 

Auch die Neuaufnahme mit Ben Glassberg am Pult des La Monnaie Chamber Orchestra bringt kein Licht ins Dunkel. Wobei: So ganz stimmt das nicht. Denn die Interpretation ist luzide, in dem Sinn, dass sie Brittens kongeniale Vertonung des Stoffes in diamantgeschliffener Präzision und mit hellwachem Klangsinn realisiert. Noch die unscheinbarste Nuance wird hörbar in dieser Lesart, jedes Detail fast obsessiv beleuchtet. Die Dichotomie aus Wahrnehmung und Täuschung, die sich wie ein roter Faden durch Brittens Oper ...

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Opernwelt Januar 2023
Rubrik: CDs, DVDs und Bücher, Seite 27
von Jan Verheyen

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