Gott, welch Dunkel hier

Beethoven: Fidelio an der Deutschen Oper Berlin

Opernwelt - Logo

Diesen Lapsus würde kein Lektor seinem Autor durchgehen lassen: Als Leonore in das Verlies hinabsteigt, wo ihr Gatte Florestan seit zwei Jahren wie ein Tier gehalten wird, erschießt sie mal eben schnell einen anderen Gefangenen, um sich sodann liebevoll ihrem unglücklichen Manne zuzuwenden.

Ein schockierender Moment, nicht weil plötzlich die Pistole knallt, sondern weil offenbar der Regisseur «durchgeknallt» ist, weil er den Charakter der Heldin negiert und damit die Botschaft dieser humanistischen Rettungsoper schlechthin, dieses großartigsten Tondenkmals, das der Freiheit und der Sehnsucht nach ihr jemals gesetzt wurde. Wozu diese Attacke? Und warum gerade jetzt? David Hermann erklärte vorab, für ihn sei «Fidelio» in erster Linie eine Oper über Gefangenschaft und es gebe keinen Heroismus ohne Brüche. 

Tatsächlich gibt es in seiner Inszenierung überhaupt keinen Heroismus, obwohl Musik und Text ihn eindringlich genug beschwören. Florestan (Robert Watson) ist ein unrettbar traumatisierter Mensch, schon die ekstatische Vision «Gott, welch Dunkel hier» klingt stark derangiert, und am Ende vermag er sich des Sieges über die Tyrannei genauso wenig zu erfreuen wie der wiedergewonnenen ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Opernwelt-Artikel online lesen
  • Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Opernwelt Januar 2023
Rubrik: Panorama, Seite 46
von Volker Tarnow

Weitere Beiträge
Schein und Sein

Der Erzähler bringt es gleich zu Beginn auf den Punkt: «It is a curious story.» In der Tat, es ist eine seltsame Geschichte. Schon die Vorlage zu Benjamin Brittens 1954 in Venedig uraufgeführter Oper «The Turn of the Screw» ist es, Henry James’ gleichnamige Novelle von 1898. Darin wird, verkürzt gesagt, eine der wesentlichen Fragen unserer Existenz gestellt: Ist...

Eine kleine Revolution

Das Lob des Auferstandenen erstrahlt in A-Dur. Schließlich ist A-Dur in der Musik oft die Tonart für das Hell-Glänzende, mit Tendenz zum Edlen. «Geeignet für den Jubel und die Fröhlichkeit – das Große und Herrliche haben auch darin Raum», befindet Jean-Philippe Rameau im «Traité de l’harmonie», und ein gutes Jahrhundert später wird Wagners Lohengrin aus einem...

Ins Innerste

Der Orchestergraben ist geschlossen, die vordersten Reihen im Parkett sind herausgenommen, die Musikerinnen und Musiker gehen in einer langen Reihe durch den Zuschauerraum zu ihren Plätzen. Sie sind es, die an diesem Abend die Hauptrolle spielen und – im Zusammenwirken mit der suggestiven Inszenierung von Evgenia Safonova, die in Perm als Musiktheaterregisseurin...