Schattengedanken
Was ist der Erde Glück? Ein Schatten! Was ist der Erde Ruhm? Ein Traum! Du Armer! Der vom Schatten du geträumt! Der Traum ist aus, allein die Nacht noch nicht …» Erschütterndes gibt Medea, die Kindesmörderin, ihrem Gatten Jason mit auf den einsamen Weg, bevor sie durch den fallenden Vorhang ins Nichts entschwindet. So endet Franz Grillparzers Drama «Medea», dritter Teil der Trilogie «Das goldene Vlies», uraufgeführt 1821 am Wiener Burgtheater. Es ist anzunehmen, dass Franz Schubert, der Grillparzer nahestand, das Stück gekannt und eine der Aufführungen besucht hat.
Weiter darf vermutet werden, dass Medeas Schattengedanken auch Eingang in jenen mysteriösen Text des Komponisten aus dem Jahr 1822 fanden, dem Bruder Ferdinand posthum den Titel «Mein Traum» gab. Denn Medeas Worte passen gut zu dieser verklausulierten Schilderung von Schuberts Lebensproblemen, quasi in der Nussschale vorgeführt: der frühe (Typhus-)Tod der Mutter 1812, die neurotischen Reaktionen des Sohnes darauf, das schwierige Verhältnis zum Vater.
Zweifellos kannte der glaubensversierte Schubert die Bibelstelle vom «Verlorenen Sohn» (Lukas 15, 11-32). Doch bevor er in «Mein Traum» von der strengen Vaterfigur in die ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Opernwelt-Artikel online lesen
- Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Opernwelt Februar 2023
Rubrik: CDs, DVDs und Bücher, Seite 22
von Gerhard Persché
Die Frau spinnt. Scheint völlig neben der Spur zu sein. Vermutlich eine Nymphomanin. An jedem Typen, der vorüberkommt, schnüffelt sie herum wie an einer Linie Koks; ob alt oder jung (der Typ, nicht das Kokain), spielt keine Rolle. Kein Zweifel kann daran bestehen, dass diese Morgana in ihrem Leben vor allem ein Ziel hat, und das besteht darin, Männer zu verführen....
Selbst den alten Wagner hat es schon erwischt, wenn auch fast ein halbes Jahrhundert nach Nikolaus Harnoncourts Revolution in der Vorklassik: «Historisch informiert», diese (inhaltlich sehr dehnbare) Deutungspraxis, dringt immer weiter vor ins 19. Jahrhundert. Davon weitgehend unbeleckt, abgesehen von Vorstößen etwa eines Giovanni Antonini, ist der Belcanto....
Boris Juchananow, ein Schüler von Anatolij Wassiljew, Adept des antipsychologischen, mythisch-poetischen Theaters und gegenwärtig einer der wichtigsten Theoretiker der russischen Theaterwissenschaft, hält sein Elektrotheater Stanislawski in Betrieb, obwohl ein eisiger, kriegsbedingter Wind durch Moskau weht. In seinem Theater gab es immer wenig Publizistisches und...
