Sakraler Nightclub

Osnabrück, Poulenc: Dialogues des Carmélites

Opernwelt - Logo

Francis Poulencs 1957 uraufgeführte Oper «Dialogues des Carmélites» schien damals ihres religiösen Sujets wie ihrer weitgehend tonalen Musik wegen aus der zeitgenössischen Entwicklung herauszufallen. Inzwischen hat sich das Stück als eigenständiges Ausnahmewerk in der Nachfolge von Debussys «Pelléas» erwiesen: traumatisierende Musikalisierung eines scheinbar untheatralischen Stoffes auch hier.

Lorenzo Fioroni ging bei seiner Osnabrücker Inszenierung noch einen Schritt weiter und versetzte die Handlung vom Märtyrertod der Karmeliterinnen von Compiègne während der Französischen Revolution in einen zeitlosen Salon, der mit seinem Stich ins Frivol-Mondäne und den entsprechend modisch gekleideten Frauen erst gar keinen religiösen Realismus aufkommen ließ – halb exaltiertes Asyl, halb sakraler Nightclub, dessen strenges Ambiente dem Geschehen jede Peinlichkeit nahm.
Diese Entscheidung gegen die naturalistische Abbildung und für eine zeichenhafte Repräsentanz bewährte sich nicht nur bei den zentralen Szenen des Stücks – dem qualvollen und verzweifelten Tod der alten Priorin, der vom Revolutionskommissar verfügten Räumung des Klosters, dem Märtyrertod auf dem Richtplatz –, sondern gerade ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Opernwelt-Artikel online lesen
  • Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Opernwelt März 2007
Rubrik: Panorama, Seite 49
von Uwe Schweikert

Vergriffen
Weitere Beiträge
Karnevalsstimmung

Bereits Felix Weingartner, vor gut hundert Jahren der wohl leidenschaftlichste Vorkämpfer für Berlioz’ «Benvenuto Cellini», war sich über die Schwierigkeiten dieser Oper vollauf im Klaren: «Cellini» brauche eine angemessene Aufführung nötiger als irgendein anderes Meisterwerk, schrieb der ehemalige Generalmusikdirektor der Wiener und Berliner Hofoper 1912, und...

Sekunden(alp)traum

Es händelt stark an der Rheinschiene: Der wunderbare «Saul» in der Regie Dietrich Hilsdorfs war gerade wieder in Bonn zu sehen, Bonn und Wiesbaden bringen in Kürze «Julius Cäsar» auf die Bühne – und Koblenz steuert eine szenische Version der «Susanna» bei. Kaum je wird das Oratorium von 1749 im Konzert aufgeführt, noch seltener ist es in szenischen Umsetzungen zu...

Abgrund Mensch

Über dieser Premiere hingen dunkle Wolken. Intendant Albrecht Puhlmann und der ursprünglich vorgesehene Regisseur David Alden hatten sich bei Probenbeginn so zerstritten, dass Alden das Stück zurückgab. Puhlmann gelang es, Calixto Bieito zu gewinnen, der «Jenufa» noch nie inszeniert hatte, mehr oder weniger die Bühnenbild- und Kostümentwürfe seines Vorgängers...