Sängerfest
Wahrlich, an diesem Plot dürften sich Tiefenpsychologen weidlich austoben: Nach langen Jahren trifft Lucrezia Borgia zufällig auf ihren unehelichen, vor der Welt verheimlichten Sohn Gennaro. Sie charismatisch und attraktiv, er eine stattliche Erscheinung und mit besten Aussichten auf eine militärische Karriere. Kein Wunder, dass der Jüngling stracks für die geheimnisvolle (maskierte) Unbekannte entflammt, zumal auch sie ihn mit auffälliger Teilnahme betrachtet. Fast vergisst Gennaro, welche Frau er da begehrt.
Regisseur Jean-Louis Grinda wischt dessen erotische Anwandlungen rasch beiseite – bald schon verlangt Gennaro neuerlich nur nach der Mutter. Um jedem Zweifel zu begegnen, werden Madonnenbilder flämischer und italienischer Provenienz vorwiegend aus dem 15. Jahrhundert auf Wände und Vorhänge projiziert. Und so irrt Gennaro durchs Madonnen-Museum, ohne jedoch fündig zu werden. Der Regie verschafft die Suche des jungen Mannes die Möglichkeit, sich auf ein gewöhnliches Intrigenstück zu verlegen. Damit in Lucrezias Gemahl Alfonso d’Este die Eifersucht hochkocht, braucht es an heißblütig-intriganten Renaissance-Höfen keinen Grund.
Regisseur Grinda betreibt, was doch sehr ...
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Opernwelt Juni 2026
Rubrik: Panorama, Seite 58
von Michael Kaminski
Eine kühne Verdrehung, und das in Zeiten des verbal triumphierenden Feminismus: Aus «Giulietta e Romeo» wird im oberfränkischen Hof «Romeo und Julia». So heißt bekanntlich Shakespeares Drama, aber die von Riccardo Zandonai verwendeten Quellen setzen die Frau nach vorn. Unter diesem Titel wurde das Werk gedruckt, als «Giulietta e Romeo» gelangte es 1922 in Rom zur...
Da sitzt er nun und blickt geschlagene 125 Jahre vom Hauptmarkt zum Gewandhaus hinüber, einst umgeben von Laubbäumen, heute von parkenden Fahrzeugen, aber nach wie vor den Kopf grüblerisch in die Hand gestützt, eher träumerisch, wie es sich für den größten deutschen Romantiker auch gehört, vielleicht ein wenig ratlos gar, denn ein Opernhaus hat er zu Lebzeiten dort...
Verdis Meisterwerk «Nabucco» könnte sehr wohl den Untertitel «Die große Utopie» tragen. Es ist ein alttestamentarisches Sujet, wenngleich die Zeitgenossen des Komponisten den Gefangenenchor der Hebräer sogleich zur Widerstandshymne gegen die habsburgische Besatzung umfunktionierten. Regisseur Christian von Götz will die Oper nun auf ihren jüdischen Kern...
