Sängerfest
Wahrlich, an diesem Plot dürften sich Tiefenpsychologen weidlich austoben: Nach langen Jahren trifft Lucrezia Borgia zufällig auf ihren unehelichen, vor der Welt verheimlichten Sohn Gennaro. Sie charismatisch und attraktiv, er eine stattliche Erscheinung und mit besten Aussichten auf eine militärische Karriere. Kein Wunder, dass der Jüngling stracks für die geheimnisvolle (maskierte) Unbekannte entflammt, zumal auch sie ihn mit auffälliger Teilnahme betrachtet. Fast vergisst Gennaro, welche Frau er da begehrt.
Regisseur Jean-Louis Grinda wischt dessen erotische Anwandlungen rasch beiseite – bald schon verlangt Gennaro neuerlich nur nach der Mutter. Um jedem Zweifel zu begegnen, werden Madonnenbilder flämischer und italienischer Provenienz vorwiegend aus dem 15. Jahrhundert auf Wände und Vorhänge projiziert. Und so irrt Gennaro durchs Madonnen-Museum, ohne jedoch fündig zu werden. Der Regie verschafft die Suche des jungen Mannes die Möglichkeit, sich auf ein gewöhnliches Intrigenstück zu verlegen. Damit in Lucrezias Gemahl Alfonso d’Este die Eifersucht hochkocht, braucht es an heißblütig-intriganten Renaissance-Höfen keinen Grund.
Regisseur Grinda betreibt, was doch sehr ...
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Opernwelt Juni 2026
Rubrik: Panorama, Seite 58
von Michael Kaminski
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