Romantischer Trash
Noch bis vor kurzem galten die Bilder aus dem alten Russland oder wenigstens die Anmutungen einer brüchig tradierten Bürgerwelt als Garanten dafür, dass Tschaikowskys Lyrische Szenen zu Puschkins Versroman «Eugen Onegin» ihre Theaterpoesie entfalteten: Peter Stein hatte zuletzt in Lyon viel kunsthandwerkliche Präzision im bürgerlichen Realismus aufgeboten, Andrea Breth in Salzburg die seelische Feinmotorik im fragilen Kammerspiel vier junger Leute vorgeführt. Gefeiert wurden beide für ihre Arbeit.
Dagegen stand Krzysztof Warlikowski auf der Bühne des Münchner Nationaltheaters am Ende reichlich irritiert da, fremd mitten im frenetischen Applaus für die Künstler um Kent Nagano, und wunderte sich über die Buhrufe. Der schlaksige Mann wirkte müde, leicht zerrupft, versuchte freundlich-trotzig zurückzuwinken. Zum ersten Mal hat Warlikowski, der 1962 in Stettin geborene Theaterregisseur, jetzt an einem deutschen Opernhaus inszeniert. Vor sieben Jahren war er angetreten, sich mit Oper zu beschäftigen, Aufsehen damit erregte er aber erst an der Bastille-Oper Gerard Mortiers, mit Glucks «Iphigenie auf Tauris» und Janáceks «Sache Makropulos».
Von Anfang an herrscht, wenigstens für ...
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Ähnelt die Turnhalle mit täuschend echt markiertem Parkettboden, den Mathis Neidhardt für Engelbert Humperdincks «Königskinder» in Zürich ausgelegt hat, nicht dem Klassenzimmer, in dem Peter Konwitschny seinen spektakulären Hamburger «Lohengrin» spielen ließ? Doch ein solches Zitat ist erlaubt, wenn man das Märchen-Libretto der «Königskinder» so gründlich und wach...
Manchmal schreibt das Leben die schönsten Pointen. Als Philip Glass von David Gockley den Auftrag bekam, eine Oper über das Ende des amerikanischen Bürgerkriegs zu schreiben, ahnten beide wohl kaum, dass diese Chronik einer Kapitulation in einem War Memorial Opera House uraufgeführt werden würde. Der innovationsfreudige Gockley, der sich in seiner langen Zeit als...
m Schluss der neunzigminütigen Aufführung stolperte Hans Neuenfels wie ein großes Kind auf die Bühne des Basler Theaters: als wollte und könnte er die Begeisterung des Publikums nicht recht begreifen. Das Ritual, das sonst allerorten die Premieren beherrscht – Beifall für die Solisten und den Dirigenten, Buhs für das Regieteam – war an diesem Abend außer Kraft...
