Ritual und Rätsel
Lustwandeln, sich den Klängen, dem Raum, dem gedämpften Licht überlassen, das ginge auch. Aber dann verpasst man etwas; an manchen Stellen des Münchner Utopia, der ehemaligen Reithalle am Rande des Zentrums, tut sich schließlich Entscheidendes. Wie etwa der riesenhafte Corey Scott-Gilbert unter Zuckungen und Krämpfen das Wachsen einer Kiefer nachspielt, dem altasiatischen Symbol für Langlebigkeit und Fruchtbarkeit. Wie sich die Schwestern Matsukaze und Murasame am anderen Ende der Halle symbolisch waschen.
Oder wie sich Thomas Schmauser als oberkörperfreier Mönch in einer Salzkiste windet.
2011 wurde Toshio Hosokawas «Matsukaze» in Brüssel uraufgeführt. Die auf dem Nō-Theater basierende Kammeroper verweigert sich dramaturgischer Stringenz, ist vielmehr eine Meditation über Vergänglichkeit, Nicht-loslassen-Können, über (lebensbedrohliche) Wünsche und das Akzeptieren der Realität. Ein Mönch trifft in einem Salzhaus am Strand auf zwei Schwestern, die auf Yukihira warten, ihren früheren Geliebten. Es ist eine Begegnung mit der Vergangenheit, die Frauen sind längst tot. Handlung wird zum Ausgangspunkt für ein 80-minütiges Gespinst am Rande des Geräuschs und der Stille, zwischen ...
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Opernwelt Juni 2025
Rubrik: Panorama, Seite 59
von Markus Thiel
In der Vorstellungskraft dieses Mannes scheint nichts unmöglich: Ein Haus errichten und eine Familie gründen will Peer Gynt mit einer Braut, die er eben von der Hochzeit weggestohlen hat (als sie sich ihm nicht willig zeigt, wandelt sich Zuneigung innerhalb eines Wimpernschlags in Hass, die Begehrte wird als «Hure» abgestoßen, als wäre zuvor nichts geschehen)....
György Kurtág, der Grand Old Man der Moderne, der im kommenden Februar seinen 100. Geburtstag feiern wird, hat in seinen Vokalwerken stets zu Texten gegriffen, die sich eigentlich jeder Musik entziehen – Becketts Schauspiel «Fin de partie», Fragmente aus Kafkas Prosa, Lyrik des späten Hölderlin oder Aphorismen aus Lichtenbergs «Sudelbüchern». Umso irritierender, so...
Mit 2700 Sitzen und einer 20 Meter hohen Decke wirkt der Saal der Opéra Bastille eher einschüchternd als einladend. Ein großer Raum für große Gesten. Wie stark muss die Versuchung sein, ihn mit allem zu füllen, was Stimme und Körper zu bieten haben. Asmik Grigorian aber steht einfach nur da und singt – die Hände locker ineinander gelegt. Ihr braunes Haar umspielt...
