Requiem für ein Genie
Frauen galten historisch nicht sehr oft als genial (was ja ohnehin ein anderes Wort für hochbegabt und sonderbar ist), aber auch als hochbegabt und sonderbar galten Frauen selten. Lieber nannte man sie überspannt und anstrengend, zum Beispiel. In Opernlibretti sind Frauen fast ausnahmslos Liebende und Leidende; die Leidenschaften gehen mit ihnen durch. Wenn sie berechnend sind, sind sie es aus Verruchtheit, nicht weil sie sich für Mathematik interessieren. Im Grunde fällt das aber erst auf, wenn einem einmal eine Intellektuelle auf der Musiktheaterbühne begegnet.
Die französische Mathematikerin und Philosophin Émilie du Châtelet (1706–1749) bekam durch ihren liberalen Vater den Zugang zu höherer Bildung, sie lernte alte und neue Sprachen, Spinett und Tanzen, genoss jedoch auch Unterricht in Naturwissenschaften und Philosophie. Das traf auf fruchtbaren Boden. Die 18-Jährige heiratete gleichwohl gehorsam und standesgemäß – was von Vernunft zeugte, war sie fortan doch gesellschaftlich und wirtschaftlich abgesichert. Auf dem Anwesen ihres Mannes im beschaulichen Semur-en-Auxois gebar sie drei Kinder und verlegte ihren Wohnsitz dann ohne ihn zurück nach Paris. Sie hatte kleinere und ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Opernwelt-Artikel online lesen
- Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Opernwelt Juli 2024
Rubrik: Im Focus, Seite 14
von Judith von Sternburg
Den Narren nimmt er ziemlich ernst. In seiner Essener «Wozzeck»-Inszenierung verdreifacht Martin G. Berger die Randfigur und macht sie zum Ventil für Wozzecks Wahn. «Wer’s sieht – wie Du! Der kann auf Erden nur Mörder oder Narr noch werden …», so dichtet der Regisseur für die selbstgemachte Ouvertüre; diese besteht aus dem «Nacht»-Stück aus Alban Bergs «Sieben...
Möchten Sie beichten?» Im Foyer des Mecklenburgischen Staatstheaters sammelt eine stark geschminkte Nonne in einer großen Wahlurne sündige Geständnisse der Zuschauenden. Gleichzeitig werden «heiliges Gleitgel» und andere frivole Kleinigkeiten als geistlicher Kommerz verkauft. Man ahnt es schon: Die Erlösung von der prüden Sexualmoral der katholischen Kirche gibt es...
In einem Selbstinterview gab Glenn Gould 1972 seine Abneigung gegen Beethovens «König-Stephan-Ouvertüre» freien Lauf – «mehr oder minder von der ersten bis zur letzten Note». Die folgenden neun Nummern dieser anlässlich der Eröffnung des Deutschen Theaters in Pest am 9. Februar 1812 komponierten Schauspielmusik erwähnte der kanadische Pianist erst gar nicht. Eine...
