Funkenflug
Nach gehörig zackigem Beginn: alles ein großer Seufzer. Die äußeren Umstände, der falsch gedeutete Scheintod der Giulietta, das verzweifelt vorzeitig genommene Gift zum Tode des Romeo, all das ist nur die schnöde Außenwelt eines inneren Dramas, das sich in Bellinis überlangen Bögen abrollt vom ersten Moment an, als Rosa Feola, «in lieta vesta», zur Hochzeit mit dem Falschen geschmückt, in ihrer Wohnzelle sitzt. Sehr langsam und sehr genau folgt sie dem Andante maestoso, ihrer großen Romanze.
Unendlich traurig geht sie nach vorn, nimmt den Brautschleier ab - wir sehen diese schlimme, von Krieg und hartem Väterwillen bestimmt Welt von nun an mit ihren Augen, auch den strahlenden Liebenden von der Feindesseite. In Felice Romanis Libretto, jenseits von Shakespeares langen Schatten (aber auf der gleichen Quelle gründend), sieht es in dieser jungen Frau sehr viel ambivalenter, schutzlos prekärer aus: Darf sie Pflicht, Anstand, ihre Leute, alles vergessen für diesen Romeo? Und so unendlich traurig, strömend, mit fragilen piani und berückendem messa di voce diese Sängerin gleich ihren ersten Auftritt formt, wird klar: Jungmädchenglück ist hier keine Option, es gilt nur Flucht oder Tod, so ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Opernwelt-Artikel online lesen
- Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Opernwelt Juli 2024
Rubrik: Panorama, Seite 46
von Holger Noltze
Die Geschichte ist alt. Sehr alt. Wir finden sie in der Bibel, im «Buch der Richter», Kapitel 16. Und schon der Beginn lässt einen erschaudern: Die Geschichte spielt in Gaza, und sie handelt vom Sterben. Simson, von Gott als Nasiräer geweiht, kommt nach Gaza, geht zu einer Dirne und wird dafür von den Menschen dort gehasst. Sie wollen ihn umbringen, doch Simson...
Er ist einer, der die Welt der Kunstmusik gern auf den Kopf stellt. Der österreichische Komponist Georg Friedrich Haas tut das immer wieder – immer wieder überraschend und immer wieder fruchtbar. Als im Jahre 2000 die FPÖ in die Regierung des ÖVP-Bundeskanzlers Wolfgang Schüssel eintrat, komponierte er das mittlerweile legendäre Ensemblestück «In vain», das über...
Das Bild, man kann es nicht anders sagen, ist trostlos. Einsam und verlassen, im eleganten, schwarzglitzernden Kleid, die Haare halbhoch getürmt, hockt Katerina Ismailowa in der Dunkelheit vor dem Hintereingang eines Varieté-Theaters, begleitet nur vom elegischen Gesang der Soloklarinette, von sehnsüchtigen Violinen und zarten Flötenterzen, so als habe das Leben...
