Funkenflug
Nach gehörig zackigem Beginn: alles ein großer Seufzer. Die äußeren Umstände, der falsch gedeutete Scheintod der Giulietta, das verzweifelt vorzeitig genommene Gift zum Tode des Romeo, all das ist nur die schnöde Außenwelt eines inneren Dramas, das sich in Bellinis überlangen Bögen abrollt vom ersten Moment an, als Rosa Feola, «in lieta vesta», zur Hochzeit mit dem Falschen geschmückt, in ihrer Wohnzelle sitzt. Sehr langsam und sehr genau folgt sie dem Andante maestoso, ihrer großen Romanze.
Unendlich traurig geht sie nach vorn, nimmt den Brautschleier ab - wir sehen diese schlimme, von Krieg und hartem Väterwillen bestimmt Welt von nun an mit ihren Augen, auch den strahlenden Liebenden von der Feindesseite. In Felice Romanis Libretto, jenseits von Shakespeares langen Schatten (aber auf der gleichen Quelle gründend), sieht es in dieser jungen Frau sehr viel ambivalenter, schutzlos prekärer aus: Darf sie Pflicht, Anstand, ihre Leute, alles vergessen für diesen Romeo? Und so unendlich traurig, strömend, mit fragilen piani und berückendem messa di voce diese Sängerin gleich ihren ersten Auftritt formt, wird klar: Jungmädchenglück ist hier keine Option, es gilt nur Flucht oder Tod, so ...
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Opernwelt Juli 2024
Rubrik: Panorama, Seite 46
von Holger Noltze
Man könnte denken, diese Oper sei soeben erst in Moskau geschrieben und ins Deutsche übersetzt worden, um den in Russland stark verbreiteten Denunziationen zu entgehen. Denn der in Einsamkeit regierende Herrscher, der sich in Viktor Ullmanns «Kaiser von Atlantis» für eine Weile «zum besseren Regieren» zurückgezogen hat, das ist im Grunde Russland. Und der «Krieg...
Die Flüge nach Rio, Caracas, sogar nach Salzburg? Alle gecancelt. Und die Stimmung im Terminal? Bestens. Was weniger an den Gutscheinen für die Bar liegt, sondern am Zeitvertreib während der Wartezeit. Zwei Männer spielen Fußball, die Melodien von Ferrando und Guglielmo auf den Lippen. Eine mondäne Frau betrauert mit «Porgi amor» ihre Beziehung, zum ersten...
Im immersiven Musiktheater liegt für Heinrich Horwitz immer auch eine Überforderung. Das Publikum, erklärt der Regisseur, werde aus der Komfortzone geholt, müsse sich selbst in der Aufführung verorten, nicht nur geistig, sondern auch körperlich einsteigen und eine eigene Perspektive suchen. Das koste Überwindung, biete aber die Chance einer eigenständigen...
