Regisseurin des Jahres 2024
Von der franko-amerikanischen Bildhauerin Louise Bourgeois stammt der wunderschöne und richtige Satz, die Kunst habe stets mit dem Leben zu tun und sei eben nicht nur gleichsam narzisstisch-ästhetischer Selbstzweck. Herausragende Regisseurinnen und Regisseure haben auch im Musiktheater diese im Grunde unumstößliche «Wahrheit» immer wieder mit ihren zum Teil staunenswerten Arbeiten beglaubigt und sind dabei häufig auch ins Innere des Werks vorgestoßen, ohne dabei die autarke Schöpfung selbst zu dekonstruieren. Eine von ihnen ist Lydia Steier, eine Fast-Landsfrau von Bourgeois.
2002 kam sie, ausgestattet mit einem Fulbright-Stipendium und zwei USA-Diplomen (Gesang, Regie) in der Tasche, nach Deutschland, wild entschlossen und im starken Glauben, hier ihre szenischen Utopien umsetzen zu können – und vor allem: umsetzen zu dürfen. Steiers Lesarten, so kühn und abseitig sie zuweilen anmuten, zeichnen sich stets durch zweierlei aus: einmal durch einen scharfen Blick, der die Widersprüche des jeweiligen Werks aufzeigt, vor allem dessen politische Implikationen, und ebenso durch eine besondere Form des humorvollen Sarkasmus, der aber nie ins Kitschige abrutscht – selbst dort nicht, wo es ...
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Opernwelt Jahrbuch 2024
Rubrik: Regisseurin des Jahres, Seite 28
von
Liebe Frau Schmid, liebe Frau Lwowski, lieber Herr Klink, Sie haben die Wahl: Ist das unmögliche Kunstwerk Oper eher eine Quantité négligeable, ein neofeudaler Luxus, eine politisch relevante Kunstform oder vielleicht sogar nur die reine ästhetische Seelenbeglückung?
Nora Schmid: Eine einfache Antwort auf diese Frage kann es nicht geben. Dennoch würde ich spontan...
Ach, wie wäre das schön, gäbe es diese Zeilen: «In der Oper gewesen. Geweint!» Allein, es gibt sie nicht. Das Original klingt etwas anders, es ist hinreichend zitiert. Und beschreibt eine Neigung, die Franz Kafka lange Jahre pflegte. Es war das Kino, das imstande war, ihn, und sei es nur für einige Weltsekunden, zu verzaubern. Nicht die Oper. Und nicht einmal das...
Nicht jedes zeitgenössische Musiktheater ist zwingend auch ein Musiktheater für Zeitgenossen und -genossinnen. Manche Stücke erliegen zu sehr der Ambition, als rein ästhetische Schöpfungen wahrgenommen werden zu wollen; ihnen fehlt der nötige gesellschaftliche Bezug, sie sind, und das nicht unbedingt im besten Sinne des Wortes, L’art pour l’art. Blättert man in...
