Realgroteske
Als Violetta sich am Ende ihrer Vergangenheit erinnert, zieht im hörbaren Hintergrund ein Karnevalszug vorbei: «Addio del passato». Es ist eine treffliche Pointe, dass uns Katharina Gault die im Schlussbild von «La traviata» unsichtbare Spaßgesellschaft vorab in den beiden großen Massenszenen der Oper in farbenprächtiger Deutlichkeit vor Augen führt – als entfesselt agierendes Kollektiv weiß gepuderter, clownesk grell geschminkter, bitterböser Witzfiguren. Die Kostümbildnerin hat sie librettokonform in Roben des 19.
Jahrhunderts gesteckt, der Spiel- wie Entstehungszeit des Stücks: In einem Pariser Privatpuff wird in perfektem Einvernehmen mit Verdis aggressiv akzentuierten Sechzehntel-Ketten kopuliert. Dazu hat die Hauptattraktion des Themenbordells bereits während des Vorspiels ihre Kundschaft animiert, vernehmlich aus der Dusche im Off stöhnend. Jetzt geht’s im großen Stil zur Sache. «Adesso siamo riscaldati», heißt es auf der Party, will sagen: Nun sind wir alle auf Betriebstemperatur.
Doch Violetta Valéry will ausbrechen aus der Prostitution, sucht ein bisschen richtiges Leben im falschen, trifft den Romantiker Alfredo, mit dem sie statt der «pompose feste» in ihrem Palais ...
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Opernwelt August 2019
Rubrik: Panorama, Seite 40
von Peter Krause
Kein Wunder, dass Dmitri Schostakowitsch anno 1959 bei der Moskauer Uraufführung seiner einzigen Operette keinerlei Probleme mit der Zensur in seiner sowjetrussischen Heimat bekam, wie es in der für ihn brandgefährlichen Stalin-Ära noch der Fall gewesen war. «Moskau, Tscherjomuschki» ist Ausfluss der von Chruschtschow eingeleiteten «Tauwetter»-Periode, die eine...
Der Gefangenenchor ist ganz wunderbar gelungen. So leise im Ansatz, so gemäßigt im Ausbruch, so liebevoll in der klanglichen Zuwendung ist dieses Zentralstück im Repertoire des radiophonen Wunschkonzerts selten zu hören – der erweiterte Chor des Opernhauses Zürich, von Janko Kastelic vorbereitet, zeigt hier, was er kann. Überhaupt öffnet sich ab dem dritten der...
Die Geschichte stimmt nachdenklich, wenn nicht traurig. Doch der Titel eines wunderbaren Buches von Mirjam Pressler gibt Anlass zur Hoffnung: «Wenn das Glück kommt, muss man ihm einen Stuhl hinstellen». Etwas in dieser Art dürfte Ralf Waldschmidt empfunden haben, als er die Partitur jenes im Jahr 1900 vollendeten Stücks durchblätterte, das nach seiner späten...
