Rausch der Trugbilder

Dan Ettinger und Tatjana Gürbaca analysieren am Nationaltheater Mannheim die Unschärfen in Schrekers «Fernem Klang»

Opernwelt - Logo

Franz Schrekers 1912 uraufgeführte Oper «Der ferne Klang», in der der Komponist Fritz auf der Suche nach dem «rätselhaft weltfernen Klang» seine Geliebte Grete verlässt, das Leben versäumt und die Liebe verspielt, ist ein Schlüsselwerk des Fin de Siècle. Schreker hat in das selbstgedichtete Libretto alles gepackt, was im Wien der Jahrhundertwende aktuell war – den Symbolismus des jungen Hofmannsthal, die laszive Jugendstilmalerei Klimts, die Sexualpathologie Weiningers, nicht zuletzt die Entdeckung des Unbewussten durch Freud.

Was den «Fernen Klang» zu einem bedeutenden Schwellenwerk macht, ist allerdings nicht Schrekers eklektische Poesie, sondern der erotisierende Rausch der Musik. Die opulente, unerhört farbenreiche, allerdings auch zur Überinstrumentierung neigende Orchesterpalette kommentiert die Handlung nicht illustrierend, sondern entziffert die komplexe Psyche des Protagonistenpaares, das «innere Klingen» des von seinem halluzinatorischen Trugbild getriebenen Fritz und die psychotische Persönlichkeitsspaltung Gretes mit geradezu kontrapunktischer Logik.

Dan Ettinger hat dieses phantasmagorische Moment von Schrekers Partitur, die auch Anleihen beim italienischen Verismo, ja ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Opernwelt-Artikel online lesen
  • Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Opernwelt September/Oktober 2015
Rubrik: Im Focus, Seite 30
von Uwe Schweikert

Weitere Beiträge
Metamorphosen

Wie ein Meeresarm liegt er da, der Sankt-Lorenz-Strom,  mehr als ein Kilometer sind es von Ufer zu Ufer. Ein erhabener Anblick. Und ein Gegenbild zu den monotonen Wald- und Agrarlandschaften, die der Highway von Montréal durchmisst. Erst auf dem Pont Pierre-Laporte wird uns so richtig bewusst, dass Québec am großen Wasser liegt: schon vor den Toren der Stadt ein...

Tonfilm ohne Leinwand?

Konzertante» Aufführungen von Opern hat es immer gegeben: zunächst vor allem im privaten Rahmen wie noch bei der einzigen Wiener Aufführung des «Idomeneo» zu Mozarts Lebzeiten. Oder im Umgang mit avantgardistischen Werken wie 1874 bei der ersten Wiener (Teil-)Aufführung von Wagners «Die Walküre» mit zwei Klavieren. Ähnlich, als sich das offizielle Paris verweigerte...

Passion für Verdi

Beim letzten und bisher einzigen Mal Oper waren die Beteiligten reif für die Kollektivbeichte. Ausgerechnet hier, wo das Leiden des Herrn seit einem Pestgelübde nachgestellt wird, ließ Salome ihre sieben Schleier fallen – damals, 1996, im Rahmen der Richard-Strauss-Tage und als Besuch des Mariinsky-Theaters mit Valery Gergiev. Nur alle zehn Jahre das Theater zur...