Naiv im besten Sinne
Vielseitigkeit oder Risikofreude sind auf dem gegenwärtigen Sängermarkt selten zu finden. Intendanten und Besetzungsbüros können sich immer weniger Experimente leisten. Das heißt: Wer gut ist in einer Rolle, wird immer wieder für diese Rolle engagiert. Für die Spielpläne mag das ein Sicherheitsfaktor sein, für die Stimmen bedeutet es eine Gefahr. Denn die menschliche Stimme besteht aus einem komplexen Muskelgeflecht, und Muskeln leben davon, dass sie vielseitig eingesetzt werden. Gleichförmigkeit führt zu Überbeanspruchung – und Verschleiß.
Was klingt wie eine allgemeine Einleitung, hat direkt mit der «CD des Monats» zu tun. Als Michaela Schuster um das Jahr 2000 herum im Stuttgarter «Ring» die Fricka sang und einem größeren Publikum bekannt wurde, da staunte man über das reiche, ungewöhnliche Timbre dieses Mezzosoprans, über seinen mühelosen Umfang und seine natürliche Ausdruckskraft. Es bestand kein Zweifel daran, dass diese Stimme für dramatischere Fächer prädestiniert war. So kam es auch. Michaela Schuster sang schon bald Kundry, Ortrud, Eboli, Klytämnestra und sogar die Amme in «Die Frau ohne Schatten», so ziemlich das Schwerste, was einem Komponisten für dramatischen Mezzo ...
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Opernwelt September/Oktober 2015
Rubrik: CD des Monats, Seite 45
von Stephan Mösch
Bei der Uraufführung am 28. November 1813 in Neapels Teatro San Carlo sang Isabella Colbran die Titelpartie. Zehn Jahre später gab Giuditta Pasta die korinthische Königstochter in einer überarbeiteten Fassung. Doch bald sollte Simon Mayrs «Medea in Corinto» von Luigi Cherubinis bereits 1797 komponierter «Médée» überflügelt werden – und geriet in Vergessenheit. Ihre...
Vor dem Sommer sind wir noch gemeinsam in die Vorproben der Neuproduktion «Fidelio» eingestiegen. Das Ensemble saß um Berts Bühnenbildmodell geschart. Einer von uns erklärte, es werde nicht darum gehen, ein spezifisches politisches System abzubilden, sondern zu untersuchen, wie sich ein auf Überwachung gestütztes System, wie wir es aus Diktaturen kennen, in die...
Herr Alagna, mit Rollen wie Énée und dem Cid haben Sie sich enorm entwickelt. Ist Vasco da Gama jetzt der größte Schritt für Sie?
Énée war ein viel größerer, ebenso Lancelot in «Roi Arthus» kürzlich in Paris. Und wenn man «Pagliacci» und «Cavalleria rusticana» an einem Abend singt, ist das auch kein Kinderspiel ... Also: nein, eigentlich nicht. Mit Eléazar in «La...
