Radikal rustikal
Der Abschied war schmerzensreich. Und er hinterließ zunächst eine große Lücke: Nachdem Teodor Currentzis mit seinem Chor und Orchester MusicAeterna nach Sankt Petersburg weitergezogen war, musste das Staatliche Opern- und Ballett-Theater Perm von Grund auf reorganisiert werden. Das aber hielt das neue, aus dem Regisseur Marat Gazalov und dem Dirigenten Artjom Abaschew bestehende Leitungsteam nicht davon ab, gleich zu Beginn die Messlatte ziemlich hoch zu legen: Vier Opernpremieren pro Saison wurden programmiert, was nach russischem Maßstab die Norm bei weitem überschreitet.
Den Auftakt bildete Mozarts «Don Giovanni». Gazalov führte Regie, Abaschew stand am Pult des hauseigenen Orchesters. Das Besondere an dieser ersten Neuproduktion war, dass alle Sänger im Orchestergraben saßen, während auf der Bühne eine Art Installation zum Thema «Wie schafft man Modern Art?» zu sehen war. Prokofjews «Liebe zu den drei Orangen», die zweite Premiere der Spielzeit, verantworteten Philipp Grigorjan (Regie) und die Choreografin Anna Abalichina – mit wenig erbaulichem Resultat: Vom Märchen mit allen seinen Wundern war nichts mehr zu sehen; die Geschichte spielt bei Grigorjan zu Zeiten der ...
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Opernwelt Juni 2021
Rubrik: Magazin, Seite 69
von Alexej Parin
Hannover
«The Turn of the Screw»
Ein Mann sitzt im Halbdunkel. Cooler Typ. Schwarzer Anzug, schwarzer Hut, glühende Zigarette im Mundwinkel. Könnte der geheimnisvolle Sir sein, bei dem die Governess vorstellig wird. Oder Henry James, der Schöpfer dieser vieldeutigen curious story, die Benjamin Britten so kongenial vertont hat. Oder schlicht «The Prologue», der das...
Kein schöner Ort. Müsste mal dringend aufgeräumt, geputzt oder zumindest gestaubsaugt werden. Ist nur leider niemand da, der das tun würde. Herakles, der könnte das vielleicht. Doch dieser Stall ist schlimmer als der des Augias: dreckiger. Gleich der gesamte Geschichtsmüll hat sich auf Paul Zollers surreal-imaginativer Bühne angesammelt oder hängt in den Ritzen des...
Zwei Frauen, ein Mann. Nie je in der Geschichte der Literatur, der Bildenden Künste und der Oper war das eine günstige Konstellation. Eine ist immer zu viel. Eine puera robusta, ein weiblicher, kriegerischer Störenfried. Im Fall des musikalischen Kammerspiels «Diàlegs de Tirant e Carmesina» von Joan Magrané, das auf der mittelalterlichen Erzählung «Tirant lo Blanc»...
