Ein-Blicke

Spielen dürfen sie, wenn überhaupt, derzeit nur vor leer gefegtem Saal und für ausgesuchte Kameras. Doch zahlreiche Opernhäuser proben unverdrossen mit nicht nachlassender künstlerischer Inspiration weiter und präsentieren die Ergebnisse dieser Arbeit zum Teil via Streaming-Service. In loser Folge dokumentiert «Opernwelt» eine Auswahl

Hannover
«The Turn of the Screw»

Ein Mann sitzt im Halbdunkel. Cooler Typ. Schwarzer Anzug, schwarzer Hut, glühende Zigarette im Mundwinkel. Könnte der geheimnisvolle Sir sein, bei dem die Governess vorstellig wird. Oder Henry James, der Schöpfer dieser vieldeutigen curious story, die Benjamin Britten so kongenial vertont hat. Oder schlicht «The Prologue», der das folgende Geschehen in kurzen Phrasen anreißt.

Eines aber ist schon hier klar: Es wird viel(e) Schatten und wenig Licht geben an diesem Abend, den der Regisseur Immo Karaman nach dem Vorbild der Graphic Novel inszeniert hat, in einer faszinierenden Mischung aus realen und digitalen Bildern. Auf Thilo Ullrichs kühler, fantastisch ausgeleuchteter Bühne genügen ihm sparsame Zeichen, knappe Gesten sowie eine phänomenale Hauptdarstellerin, um die psychotischen Tiefen des Stoffes auszuloten. Sarah Brady spielt die Governess als moderne Frau (Lederjacke, High Heels etc.), die sich zusehends von imaginären oder absichtsvoll imaginierten Erscheinungen in die Enge gedrängt fühlt. Bradys Diktion ist messerscharf, ihr Mezzosopran in der sinnlichen Mischung aus Elegie und dramatischem Aufbegehren genau das, was Karaman für seine ...

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Opernwelt Juni 2021
Rubrik: Im Focus, Seite 38
von Jürgen Otten

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