Aus dem Ganzen schöpfend
Für ein Buch über Mozart-Interpretation, das Ende 2020 bei Bärenreiter erscheinen soll, wurde der Bariton Christian Gerhaher danach gefragt, ob es so etwas wie eine Mozart-Stimme gäbe. Natürlich zog er den Begriff als solchen in Zweifel. Dann verwies er aber doch auf den belgischen Kollegen José van Dam.
Der habe auch vieles andere fantastisch gesungen, aber sein Figaro in der Aufnahme unter Neville Marriner sei ein «Nonplusultra» und «das Nobelste», was man sich vorstellen könne – wegen der Klangschönheit und -bewusstheit, letztlich wegen der Mischung aus stimmlicher Kunst und geistiger Haltung gegenüber einer Rolle. Damit sind zentrale Kriterien benannt, die José van Dams Gesang seit jeher ausgezeichnet haben. Bei Mozart und darüber hinaus.
Dass Olivier Messiaens tendenziell endloses, an spiritueller Energie reiches Musiktheater-Mysterium «Saint François d’Assise» überhaupt seinen Weg auf die Bühnen fand, ist wesentlich José van Dam zu verdanken, der die Titelpartie nicht nur bei der Uraufführung 1983 in Paris sang, sondern – wichtiger noch – in der von Gerard Mortier angeregten Produktion in der Salzburger Felsenreitschule knapp zehn Jahre später. Da verschmolzen nicht nur ...
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Opernwelt August 2020
Rubrik: Magazin, Seite 62
von Stephan Mösch
Im Juni 2019 gab das Teatro Regio in Turin die kommende Spielzeit vor einer Kulisse internen Chaos bekannt. William Graziosi, umstrittener Intendant des Hauses, wurde von den eigenen Mitarbeitern mit einem Buh-Sturm überzogen, während Artistic Director Alessandro Galoppini tosenden Jubel erntete, als er das Programm im Einzelnen vorstellte. Gegenüber Journalisten...
Fast scheint es, als stünde dieser elegant gekleidete Mann, wie er da auf einem mehr als anderthalb Meter hohen Sockel auf der Brühlschen Terrasse zu Dresden thront, das linke Knie angewinkelt, den nämlichen Fuß auf zwei Tempelruinen mit Löwenköpfen gesetzt, während der rechte auf Meißner Granit ruht, souverän über den Dingen. Doch der erste Schein trügt. Sein in...
Draußen zwitschern die Vögel, drinnen ertastet einsam ein Klang das Terrain. Schwebt samten umher, umgarnt das Ohr, verdichtet sich zu märchenhaft-mystischem Gebilde, nimmt zarte, aber konsistente Gestalt an: magischer Lichtstrahl aus einzelnen Tönen, transzendiert zu luftigem Idyll. Hört man das Lied «Sunrise» von Charles Ives bei geöffnetem Fenster, dann wird die...
