Aus dem Ganzen schöpfend
Für ein Buch über Mozart-Interpretation, das Ende 2020 bei Bärenreiter erscheinen soll, wurde der Bariton Christian Gerhaher danach gefragt, ob es so etwas wie eine Mozart-Stimme gäbe. Natürlich zog er den Begriff als solchen in Zweifel. Dann verwies er aber doch auf den belgischen Kollegen José van Dam.
Der habe auch vieles andere fantastisch gesungen, aber sein Figaro in der Aufnahme unter Neville Marriner sei ein «Nonplusultra» und «das Nobelste», was man sich vorstellen könne – wegen der Klangschönheit und -bewusstheit, letztlich wegen der Mischung aus stimmlicher Kunst und geistiger Haltung gegenüber einer Rolle. Damit sind zentrale Kriterien benannt, die José van Dams Gesang seit jeher ausgezeichnet haben. Bei Mozart und darüber hinaus.
Dass Olivier Messiaens tendenziell endloses, an spiritueller Energie reiches Musiktheater-Mysterium «Saint François d’Assise» überhaupt seinen Weg auf die Bühnen fand, ist wesentlich José van Dam zu verdanken, der die Titelpartie nicht nur bei der Uraufführung 1983 in Paris sang, sondern – wichtiger noch – in der von Gerard Mortier angeregten Produktion in der Salzburger Felsenreitschule knapp zehn Jahre später. Da verschmolzen nicht nur ...
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Opernwelt August 2020
Rubrik: Magazin, Seite 62
von Stephan Mösch
Als Julius Cyriax 1855 eine Aufführung von Wagners «Tannhäuser» sah, war’s um ihn geschehen: Mit Inbrunst verehrte der gerade 15-jährige Kaufmannssohn aus Gotha den Meister. Und dabei blieb es, sein Leben lang. Zu gern wäre er selbst Musiker geworden! Doch sein Vater wollte den Jungen in den eigenen Fußstapfen sehen. Also lernte der das Geschäft, ging 1858 erst...
Nein, gesungen wird nicht an diesem Vormittag. Nur das Plätschern von Wasser ist zu hören. In einem weißen Kubus kniet Bariton David Pichlmaier vor einer Zinkwanne, reibt sich akribisch mit Lehmseife ein, spült sich dann ab. Eine Kamera fängt den Vorgang ein, hautnah, aus unterschiedlicher Perspektive. Wie später auch jene Szene, in der die Sopranistin Katrin...
Draußen zwitschern die Vögel, drinnen ertastet einsam ein Klang das Terrain. Schwebt samten umher, umgarnt das Ohr, verdichtet sich zu märchenhaft-mystischem Gebilde, nimmt zarte, aber konsistente Gestalt an: magischer Lichtstrahl aus einzelnen Tönen, transzendiert zu luftigem Idyll. Hört man das Lied «Sunrise» von Charles Ives bei geöffnetem Fenster, dann wird die...
