Der fliegende Hamburger
Fast scheint es, als stünde dieser elegant gekleidete Mann, wie er da auf einem mehr als anderthalb Meter hohen Sockel auf der Brühlschen Terrasse zu Dresden thront, das linke Knie angewinkelt, den nämlichen Fuß auf zwei Tempelruinen mit Löwenköpfen gesetzt, während der rechte auf Meißner Granit ruht, souverän über den Dingen. Doch der erste Schein trügt. Sein in Bronze gegossener Blick verrät Vertiefung, Konzentration, Nachdenklichkeit, ja sogar einen Hauch von Tristesse.
In den Händen trägt er eine Pergamentrolle, und es war gewiss kein Zufall, dass der Bildhauer Johannes Schilling ihm ein solches «Hilfsmittel» in die Hände drückte. Sein ganzes, unstetes Leben hat Gottfried Semper mit (bei Weitem nicht immer erfüllten) Plänen zugebracht, solchen aus Papier und solchen, die durch seinen visionären Kopf spukten.
Kein Zweifel, er war ein Meister seines Fachs; um das zu wissen, genügt allein ein Streifzug durch die sächsische Elbmetropole. Das 1841 errichtete Hoftheater (die heutige Semperoper), weiland «das schönste Theater der Welt»; die so imposante wie grandiose Gemäldegalerie und die (am 9. November 1938 in der Reichspogromnacht zerstörte) Synagoge in Dresden, das ...
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Opernwelt August 2020
Rubrik: Magazin, Seite 61
von Jürgen Otten
Ein bisschen kräftiger dürfte das espressivo schon sein. «Fülle, Fülle», ruft Marek Janowski den Streichern zu, als es zu Beginn des zweiten Akts in den Kerker geht. Und pochen soll der Rhythmus nach Florestans Verzweiflungsschrei: «Gott, welch Dunkel hier!» Mehr «Substanz» fordert der 81-jährige Maestro später von den ersten Geigen und den Bratschen. Als wolle er...
Verdis neunter, 1846 in Venedig uraufgeführter Oper «Attila» begegnet man selten auf der Bühne. Peter Konwitschny hat sie 2013 in Wien als schrilles Kasperletheater, Dietrich Hilsdorf 2017 in Bonn als blutrünstige Groteske bebildert. Beides trifft das kolossal dimensionierte Schauerdrama um die Ermordung Attilas, das Verdi hier im Stil eines...
«Vorne auf den Sesseln die Kritiker, entstellt von Eitelkeit», notierte Gottfried Benn 1928 in «Saison», und Joachim Kaiser zitiert ihn fast verschämt zu Beginn seines «Kleinen Theatertagebuchs» (1965), um danach eine subtile Analyse eben jener Gefallsucht folgen zu lassen. Kritiker seien eitel, weil ihr Tun sie dazu bringe und zwinge, «wohlerworbenen...
