Der fliegende Hamburger
Fast scheint es, als stünde dieser elegant gekleidete Mann, wie er da auf einem mehr als anderthalb Meter hohen Sockel auf der Brühlschen Terrasse zu Dresden thront, das linke Knie angewinkelt, den nämlichen Fuß auf zwei Tempelruinen mit Löwenköpfen gesetzt, während der rechte auf Meißner Granit ruht, souverän über den Dingen. Doch der erste Schein trügt. Sein in Bronze gegossener Blick verrät Vertiefung, Konzentration, Nachdenklichkeit, ja sogar einen Hauch von Tristesse.
In den Händen trägt er eine Pergamentrolle, und es war gewiss kein Zufall, dass der Bildhauer Johannes Schilling ihm ein solches «Hilfsmittel» in die Hände drückte. Sein ganzes, unstetes Leben hat Gottfried Semper mit (bei Weitem nicht immer erfüllten) Plänen zugebracht, solchen aus Papier und solchen, die durch seinen visionären Kopf spukten.
Kein Zweifel, er war ein Meister seines Fachs; um das zu wissen, genügt allein ein Streifzug durch die sächsische Elbmetropole. Das 1841 errichtete Hoftheater (die heutige Semperoper), weiland «das schönste Theater der Welt»; die so imposante wie grandiose Gemäldegalerie und die (am 9. November 1938 in der Reichspogromnacht zerstörte) Synagoge in Dresden, das ...
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Opernwelt August 2020
Rubrik: Magazin, Seite 61
von Jürgen Otten
Das verlorene Paradies – die biblische Metapher steht für den Haltverlust des modernen Menschen. Für eine Moderne, die künstlerisch im 19. Jahrhundert wurzelt und deren Protagonisten – Komponisten wie Lyriker – die Erfahrung einer im Untergang begriffenen Welt machen mussten und – im besseren Fall – eine Ahnung von neuen Zeitaltern mitbekamen. «Paradise Lost» heißt...
Frau Leupold, lieben Sie das Chaos?
Eigentlich fürchte ich es. Aber vielleicht liebe ich es insgeheim? Und will einfach nicht lernen, wie es aus meinem Leben fernzuhalten wäre. Es ist immer um mich herum.
Welche Vorteile birgt dies? Und welche Nachteile?
Chaos kann durchaus inspirierend sein. Der Nachteil ist, dass es Lebenszeit frisst. Trotzdem fürchte ich, es...
«Das Wort ‹Familienbande› hat einen Beigeschmack von Wahrheit.» Wem fallen bei diesem Aphorismus von Karl Kraus nicht gleich die seit 150 Jahren vom Familienclan regierten Bayreuther Festspiele ein. Wagner hat nicht nur die Werktreue erfunden, den Autorwillen durchgesetzt, sein eigenes Theater erbaut, sondern seinen Nachfolgern mit den Modellinszenierungen auch...
