Hurra, wir leben noch!
Das Ensemble steht unter dem Holstentor der Hansestadt und stimmt Don Giovannis Credo an: «Viva la libertà.».Doch das Quintett muss sich schützende Schals um die Sängermünder binden, aus denen Mozarts Motto nun nur noch wattig hervordringt. Die Performance-Premiere «Alive» zum Abschluss der Saison nach exakt dreimonatiger Pandemiepause findet in zwei Varianten statt: für wenige, per Los Auserwählte als Live-Event, für alle Zuhausegebliebenen in der Videoversion von Konrad Kästner. Letztere spielt launig lustvoll, klug mit der Corona-Dialektik von Nähe und Distanz.
Denn das Duett aus Verdis «Simon Boccanegra», in dem Vater und Tochter miteinander ringen, spiegelt die globale Situation in der Form einer transatlantischen Aufführung: Während Gerard Quinn seinen Bariton im Theater Lübeck strömen lässt, ist Sopranistin María Fernanda Castillo aus ihrer Heimat Mexiko per Konferenz-Software zugeschaltet. Andreas Wolf dirigiert dazu Korrepetitorin Utako Washio als Vertreterin des Orchesters. «Connection lost», heißt es dann auf einmal – eine inszenierte Internetstörung. Bewusst offen bleibt, ob das Duett wirklich auf zwei Kontinenten stattfindet oder das Spiel mit ferner Nähe der Fantasie ...
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Opernwelt August 2020
Rubrik: Focus Spezial Neustart, Seite 24
von Peter Krause
Die Bedrohung – sie ist an diesem Abend für den Zuschauer, wenn er beim Abdunkeln des Saals seine Maske abnehmen darf, allgegenwärtig. Etwas bricht aus, verdunkelt das ganze Leben und lässt anfangs keinen Raum für Hoffnung. Corona? Nein, es ist ein Vulkan, ähnlich dem des Jahres 1815 – Tambora. Er bescherte Europa seinerzeit einen Sommer ohne Sonne: ein...
Eigentlich ist, spätestens mit diesem Jahr, dem 250. Geburtstag des Genies, alles gesagt, gedacht, geschrieben, geklärt. Die Causa Beethoven im Grunde abgeschlossen. Mehrere Regalkilometer füllt die Literatur über den Prometheus der Tonkunst, dessen einziges Manko es war, dass er keine gescheite Oper zu komponieren vermochte, weil seine eigene Musik zu absolut und...
«Das Wort ‹Familienbande› hat einen Beigeschmack von Wahrheit.» Wem fallen bei diesem Aphorismus von Karl Kraus nicht gleich die seit 150 Jahren vom Familienclan regierten Bayreuther Festspiele ein. Wagner hat nicht nur die Werktreue erfunden, den Autorwillen durchgesetzt, sein eigenes Theater erbaut, sondern seinen Nachfolgern mit den Modellinszenierungen auch...
