Puccinis Prekariat
Den Künstlern des beginnenden 21. Jahrhunderts dürften die Sorgen von Puccinis Bohemiens nur allzu bekannt vorkommen. Mit einem Durchschnittseinkommen unter
15 000 Euro jährlich arbeiten die allermeisten der etwa 300 000 Kunstschaffenden in Deutschland in Sichtweite von Hartz IV. Auch wenn sie mittlerweile immerhin krankenversichert sind, kämen die meisten Rodolfos und Marcellos noch immer in Zahlungsschwierigkeiten bei der Zeche im Café Momus.
Man braucht sich also gar nicht groß zu verrenken, wenn man die «Bohème» aus dem Paris der Belle Epoque ins Deutschland des Jahres 2010 hinüberziehen will. Angesichts der flächendeckenden kommunalen Finanzmisere, deren Folgen auch die Kunst zu spüren bekommt, liegt die Versuchung nahe, dem Publikum anhand von Puccinis Hungerkünstlern den Zustand eines kaputtgesparten Theaters vorzuführen.
Es geht ums Überleben
In Ulm, wo der Magistrat gerade noch einmal die Sparschraube kräftig anzog, hat das Theater die ganze Saison der Thematisierung des eigenen Überlebenskampfes gewidmet: Das Generalmotto «Mehrwert», das bei allen Produktionen über dem Bühnenportal prangt, liest sich als verzweifelter Appell, Kunst nicht gegen Geld aufzuwiegen. Kein ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Opernwelt-Artikel online lesen
- Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Zum letzten Mal getroffen habe ich Joachim Herz am 2. Oktober dieses Jahres: Anlässlich eines Symposions über Kurt Weill in Dresden hielt er einen Vortrag über seine interpretatorischen Prinzipien und szenischen Lösungsstrategien, speziell im Hinblick auf Brecht-Weills «Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny». Die Inszenierung 1977 war sicher eine seiner besten...
Geschäftig wuseln die Streicher des RSO Wien, von Dirigent Bertrand de Billy energisch angetrieben, in den ersten Takten von «Ariadne auf Naxos». Beflissen eilt diese Musik voraus, möchte den Hörer führen wie der diensteifrige Einheimische den ortsunkundigen Fremden.
Doch wohin? Zunächst in einen «tiefen, kaum möblierten und dürftig erleuchteten Raum im Hause eines...
Daniel Catáns neue Oper «Il postino» («Der Postbote») ist clever gebaut und klingt wohltemperiert. Sie reiht sich in die kurze Liste jener Werke ein, deren titelgebende Figur nicht unbedingt die wichtigste oder interessanteste ist. Die Vorlage lieferte der gleichnamige italienische Film aus dem Jahr 1994. Es geht um einen Briefträger, der auf einer kleinen,...
