Erinnerung: Prinzipientreu und wandlungsfähig
Zum letzten Mal getroffen habe ich Joachim Herz am 2. Oktober dieses Jahres: Anlässlich eines Symposions über Kurt Weill in Dresden hielt er einen Vortrag über seine interpretatorischen Prinzipien und szenischen Lösungsstrategien, speziell im Hinblick auf Brecht-Weills «Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny». Die Inszenierung 1977 war sicher eine seiner besten Arbeiten und einer der Höhepunkte seines Wirkens als Intendant der (Ost-)Berliner Komischen Oper.
Bei der Dresdner Tagung wirkte er, im Rollstuhl sitzend, zwar schon hinfällig, doch als Redner und Diskussionspartner ließ er durchaus vital den alten, entschieden streitbaren Schwung erkennen. Am 18. Oktober ist Joachim Herz im Alter von 86 Jahren in Leipzig gestorben.
Als Beleg für Intention und Realisierung seiner «Mahagonny»-Deutung führte er via DVD die Schlussszene vor: das rat- und ziellose, leerlaufende Herumirren gesichtsloser Massen mit absurd widersprüchlichen Forderungen; wobei auf manchen Schildern nur noch das Wörtchen «Für» steht, auf einigen mit einem eingeschobenen «h»: Der «Führer» steht vor der Tür, die NS-Katastrophe kündigt sich an. Historisch präzise, darin «werktreu», wirkt diese Inszenierung auch heute ...
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